Vor 25 Jahren demonstrierten eine Million Menschen auf dem Alexanderplatz

Die Schauspielerin Jutta Wachowiak (Bildmitte) war Initiatorin der Demonstration vom 4. November und zog an der Spitze des Zuges mit. (Foto: Ralf Drescher)

Mitte. So voll war der Alexanderplatz weder bei Weihnachtsmärkten und Oktoberfesten der Wendezeit. Am 4. November 1989 haben sich bis zu eine Million Menschen dort zur größten Demonstration in der Geschichte der DDR getroffen.

Die Idee stammte von der Schauspielerin Jutta Wachowiak. Bereits Mitte Oktober hatte sie auf einer Versammlung von Theaterleuten vorgeschlagen, gemeinsam für Presse- und Versammlungsfreiheit, die eigentlich in der DDR-Verfassung garantiert waren, zu demonstrieren. Bereits zwei Tage später wurde der Antrag gestellt, die Demonstration am 26. Oktober durch die Volkspolizei genehmigt.

Die Veranstalter, darunter die Verbände der Bildenden Künstler und der Theater- und Filmschaffenden, rechnen mit einigen zehntausend Teilnehmern. Bereits lange vor 10 Uhr finden sich vor dem Gebäude das Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (DDR-Presseagentur) die ersten Demonstranten ein. Die Demo, die zur größten Demonstration der DDR werden sollte, ist ein Aufzug der Parolen und Transparente. Weil die Demonstranten wissen, dass Sprechchöre auf internationalen Fernsehbildern nicht so wirken wie sichtbare Losungen, wurde in den Tagen und Nächten vor dem 4. November fleißig gepinselt. In Theaterwerkstätten und Kirchenbüros ebenso wie in Kellern und Küchen. Auf unzähligen Fotos sind die Parolen überliefert, die so manchem SED-Funktionär unruhige Stunden beschert haben.

"Stasi in die Produktion", "Privilegien weg", "Wir sind das Volk!", "Uns wird schlecht - SED hat immer recht" lesen jetzt sogar die Zuschauer des DDR-Fernsehens, denn die Demonstration wird live übertragen. Für einige besonders unbeliebte Politiker gab es sogar Extraplakate. Egon Krenz, gerade erst zum Staatsratsvorsitzenden gewählt, wurde getreu dem Märchen als gefräßiger Wolf im Bett von Rotkäppchens Großmutter dargestellt.

Rund drei Stunden nach Beginn der Demonstration fand auf dem Alexanderplatz die Abschlusskundgebung statt. Am Mikrofon rund 20 Redner aus Oppositionskreisen und auch Vertreter der alten Ordnung. Sogar in viele Geschichtsbücher gefunden hat der Redebeitrag der Schauspielerin Steffi Spira: "Ich wünsche für meine Urenkel, dass sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde und dass keine Blauhemden mit Fackeln an den hohen Leuten vorübergehen!"

Der Beitrag des früheren Stasigenerals Markus Wolf dagegen war auf dem Alexanderplatz nicht zu hören. Seine Worte gingen in einem riesigen Pfeifkonzert schlicht unter. Bärbel Bohley, Mitbegründerin des Neuen Forums, stand ganz in der Nähe des Generals und konnte seine Reaktion beobachten. "Als ich sah, daß seine Hände zitterten, weil die Leute gepfiffen haben, da sagte ich zu Jens Reich: So, jetzt können wir gehen, jetzt ist alles gelaufen. Die Revolution ist unumkehrbar", hat sie später berichtet.

Ein Teil der Transparente, die mithalfen, die SED-Diktatur ins Wanken zu bringen, wird heute im Deutschen Historischen Museum aufbewahrt. Fünf Tage nach der Demonstration auf dem Alexanderplatz fiel, wie von vielen Demonstranten gefordert, die Mauer.


Ralf Drescher / RD
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