Germanisches im Vielvölkerkiez: Die Arminiusstraße erinnert noch heute an den großen Feldherrn

Nur zwei Gebäude prägen die Arminiusstraße: das Rathaus und die Arminiusmarkthalle. (Foto: KEN)
 
Auf Straubes Übersichtsplan von 1886 bis 1895 gibt es noch den Arminiusplatz (im weißen Kreis) und dahinter die mächtige "Markthalle X". (Foto: Mitte Museum)

Gerade einmal 85 Meter ist die Arminiusstraße lang. Sie wird von nur zwei Gebäuden gesäumt: der Rückseite des Rathauses Tiergarten und der Arminius-Markthalle. So kurz und gerade die Straße ist, so verschlungen ist ihre Entstehung. Der Namensgeber aber ist vom Kaiserreich bis heute derselbe geblieben.

Die ost-westlich verlaufende Straße zwischen Bremer Straße und Jonasstraße ist der Rest eines großen Schmuckplatzes, des früheren Arminiusplatzes. Dieser wiederum entstand nach dem Bau der Moabiter Markthalle auf einem ehemaligen Marktplatz, der bis 1875 der Schießplatz der 1848 gegründeten Moabiter Schützengilde, einer Bürgerwehr, war.

Arminius, Stammesführer der Cherusker (17/16 v. Chr. bis 21 n. Chr.), der seinen Namen wohl während seines Dienstes im römischen Heer erhielt und dessen wirklicher Name unbekannt ist, wurde im 19. Jahrhundert als germanischer Held gefeiert. Es war wahrscheinlich Martin Luther, der aus Gaius Iulius Arminius „Hermann den Cherusker“ gemacht hat. Der Reformator schrieb: „Wenn ich ein poet wer, so wolt ich den celebriren. Ich hab in von hertzen lib. Hat Hertzog Herman geheißen.“

Der römische Offizier Arminius, der das Bürgerrecht besaß, wurde zum Feind der Römer, als der Senator und Feldherr Quintilius Varus in Germanien römisches Recht und römische Steuern einführen wollte. Aus einem zunächst regionalen Aufstand der Germanen machte Arminius einen Flächenbrand, indem er sich mit den Cheruskern und anderen germanischen Stämmen verbündete. Im Jahre 9 besiegte Arminius den Varus in der berühmt gewordenen Hermannschlacht bei Osnabrück. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus erklärte Arminius zum „Befreier der Germanen“. Die Gebiete zwischen Rhein und Elbe kamen nicht zum römischen Reich. Arminius’' Ruhm währte zu Lebzeiten nicht lange. Er wurde von Stammesgenossen ermordet.

Umso lieber hatte man ihn in Moabit. 1879 benannte man den Platz vor der Markthalle nach ihm. Nach 1893 lautete die Adresse: Am Arminiusplatz. Dann kam das Jahr 1935. Seit zwei Jahren waren die Nazis an der Macht. Sie setzten die Pläne um, die seit der Gründung von Groß-Berlin 1920 in der Schublade lagen: Auf dem schmucken Arminiusplatz wurde das luftkriegstaugliche „Verwaltungsgebäude Tiergarten“ auf dem Grundriss eines H errichtet. Für den verloren gegangenen Platz entstand ab Herbst 1936 der „Essener Park“ an der Essener Straße.

Der kleine Rest des Platzes wurde am 4. April 1936 Straße und behielt den Namen Arminius, obwohl die Nazis mit dem Germanenfürsten so ihre Probleme hatten. Der Sieg über Varus war nur durch Verrat gelungen – ein unsoldatisches Verhalten. Und besiegt wurden die Römer, mit deren faschistischen Nachfahren Hitlerdeutschland einen Pakt geschmiedet hatte. Heute ist das „Verwaltungsgebäude Tiergarten“ ein Rathaus in einem demokratischen Staat. Die neue Funktion wird gerade auf der Rückseite zur Arminiusstraße sichtbar. 1953/1954 entstand dort der Saal der Bezirksverordnetenversammlung des damaligen Bezirks Tiergarten mit viel Glas. Im wahrsten Sinne transparent.

Von der Kaiserzeit auf uns gekommen ist das andere markante Gebäude der kurzen Straße, die Arminiusmarkthalle, 1891 nach nur einem Jahr Bauzeit als „Markthalle X“ eröffnet. Das frühere Marktreiben an 425 Ständen in der Halle ist einem modernen Konzept gewichen, das in der Ende der 80er-Jahre aufwendig restaurierten Markthalle Kulturveranstaltungen mit Einkauf und Gastro-Erlebnissen vereint.

Besonders bemerkenswert ist die Kunstinstallation von Oliver Sturm im Hauptgang. Sein „Gebetomat“, der einem Fotoautomaten gleicht, kann über 330 Gebete in mehr als 65 Sprachen wiedergeben.
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