In Moabit wurde eine der ersten Veggie-Kolonien gegründet

Die Paulstraße 1 heute. Nichts erinnert mehr an Berlins erstes vegetarisches Restaurant "Ceres". (Foto: KEN)

Moabit. Die Idee hatte Bruno Wilhelmi (1865-1909) aus Brasilien mitgebracht. Als der Kaufmann 1889 nach Deutschland zurückkehrte, gehörte er zum Kreis der Lebensreformer und Vegetarier. In Moabit gründete er mit Gesinnungsfreunden eine vegetarische Obstbausiedlung auf Genossenschaftsbasis.

Es war die Zeit der "Belle Epoque", wie die Epoche später genannt wurde. Sie war geprägt von Gegensätzen: Jugendstil und eine Vermischung der Stile, Monarchie und politische Reformversuche, Begeisterung für den technischen Fortschritt und Rückwärtsgewandtheit.

Die neuen technischen Errungenschaften veränderten den Alltag und die Lebenswelt der Menschen rasant. Viele fühlten sich verunsichert. Sie suchten das einfache, ursprüngliche Leben. "Zurück zur Natur" lautete das Schlagwort. Es bildeten sich zahlreiche Reformgruppen. Einige schlossen sich in Siedlungen zusammen. Eine davon war die "Vegetarische Obstbau-Kolonie Eden" in Oranienburg. Ihren Ursprung aber hat sie in Moabit.

Am 28. Mai 1893 trafen sich nachmittags um halb drei 18 Paradiessucher in Berlins erstem vegetarischen Restaurant in der Paulstraße 1. Es hieß "Ceres" und war nach der römischen Göttin des Ackerbaus benannt. Mehr als acht Stunden dauerte die Versammlung. Dann war die Kolonie Eden gegründet. "Mir scheint, wir ahnen kaum die Bedeutung unseres Unternehmens und sind unbewusst das Werkzeug zu einer gewaltigen Umgestaltung der Dinge in der Hand der göttlichen Allmacht", hielt rund ein Jahr später Bruno Wilhelmis Ehefrau Clara fest.

Sie hatte den Namensvorschlag gemacht. Er war ganz bewusst an den biblischen Garten Eden angelehnt. Die Gründer wollten damit ihr Ziel zum Ausdruck bringen: ein natürliches Leben auf gemeinsamem Boden weitab der Großstadt.

Das Übrige folgte Schlag auf Schlag: Am 12. Juli wurde der Kauf des Landes westlich von Oranienburg abgeschlossen: eine 37 Hektar große sandige Schafweide. Zwei Monate später wurde der erste Plan zur Aufteilung des Geländes vorgelegt und genehmigt.

"Jeder Genosse hat Anrecht auf pachtweise Überlassung einer Heimstätte auf der Kolonie. (…) Seine Heimstätte kann der Genosse nach eigenem Ermessen bewirtschaften, jedoch nur in einer den vegetarischen Grundsätzen nicht widersprechenden Weise (...)", heißt es im Genossenschaftsvertrag. Die "Heimstatt" blieb Eigentum der Genossenschaft, die Pacht war aber erblich.

Bruno Wilhelmi schied bereits 1897 nicht zuletzt wegen Querelen um sein stattliches Geschäftsführergehalt aus der Genossenschaft aus. Diese gibt es noch immer, wenn auch in anderer Form und Zielsetzung. Das Restaurant "Ceres" aber ist Geschichte.


Karen Noetzel / KEN
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