Kunstexperiment „Die Spree im Rücken …“ auf den Straßen des Westfälischen Viertels

Ein Text zieht sich durch Moabit. (Foto: KEN)

Moabit. Hingebungsvoll und in schöner gebundener Schreibschrift hingepinselt, schlängelt sich ein Text durch das Westfälische Viertel in Moabit.

„Die Spree im Rücken …“ So beginnt es an der Kreuzung Bundesratsufer und Dortmunder Straße: ein einziger, 1,6 Kilometer langer Vers. Es ist ein Monostichon. Vergleichbar mit dem japanischen Haiku gibt es auch im Deutschen die traditionelle Gedichtkurzform, die aus nur einer Zeile besteht. Ein Reim ist dabei nicht erforderlich, jedoch eine „Melodie“. Geheimrat Goethe wusste, wie es geht: „Blumen reicht die Natur es windet die Kunst sie zum Kranze.“

Nun hat sich Tobias Roth an einen solchen Einvers gewagt. Der 31-Jährige arbeitet dabei eng mit Sophia Poméry (32) zusammen. Sie hat über Nacht Roths Text mit Schlämmkreide auf Straßen und Gehwege geschrieben. Gemeinsam haben sie so ein im öffentlichen Raum sichtbares Werk geschaffen. Das war eine der Vorgaben für ihr Projekt „Häuserzeilen – 1600 Meter Monostichon“. Eine andere Vorgabe lautete, dass die beiden Künstler aus verschiedenen Bereichen kommen und noch nie zusammengearbeitet haben. Tobias Roth ist Autor, Übersetzer und Literaturwissenschaftler, Sophia Poméry Konzeptkünstlerin und eine Schülerin Olafur Eliassons.

Der auf dem Papier entstandene Text, der von Moabit, seiner Geschichte und der Magie seines Alltags handelt, verlässt es und kehrt dorthin zurück, woher er gekommen ist, auf die Straßen des Kiezes. „Material, Gegenstand und Illustration des Textes fallen zusammen“, erläutern die beiden Künstler ihr Projekt. An einem Juliabend hatten Roth und Poméry die Bevölkerung zu einer eher ungewöhnlichen Lesung eingeladen. Auf einem gemeinsamen Spaziergang durch die Häuserzeilen Moabits sollte der einzeilige Vers gehend gelesen werden. Ein Köder war auch ausgelegt. Am Ende der Tour wartete ein Umtrunk auf die Teilnehmer.

Die Veranstaltung fand unter Anwohnern und Kunstbegeisterten überwiegend Anklang. Kritische Stimmen gab es jedoch auch. „Wir haben heute sehr polarisierende Meinungen gehört, Gutes und Böses“, sagte Sophia Poméry. „Es ist einfach Schlämmkreide, und Jupiter wird es vernichten“, beruhigte Tobias Roth. Sich den 1,6 Kilometer langen Text zu merken, fiel nicht gerade leicht. Doch der Dichter kannte keine Gnade. Das Monostichon wurde am Ende des Flanierens nicht vorgetragen. „Heute noch nicht“, so Tobias Roth.

Das Experiment der Flanerie war Auftakt von sieben experimentellen Kooperationsprojekten im Bezirk. Sie werden im Rahmen des Projekts „Programmkoordination für Stadtkultur und Vernetzung“ von der öffentlichen Hand gefördert. Die Programmkoordination wiederum ist Teil des von der EU und dem Land Berlin unterstützten Programms „Zukunftsinitiative Stadtteil (II), Teilprogramm Soziale Stadt“. KEN
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