Das Hotel Sachsenhof und sein heute berühmter Gast Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler. (Foto: KEN)
 
Das Hotel Sachsenhof in der Motzstraße war neun Jahre lang Zufluchtsort von Else Lasker-Schüler. (Foto: KEN)
Berlin: Hotel Sachsenhof |

Man könnte sie für einen Jungen halten, diese kleine, schlanke Frau mit dem kurzgeschnittenen schwarzen Haar. Es ist schon spät am Abend, als die Dichterin Else Lasker-Schüler, immer ganz dicht an den Häuserwänden entlang, damit ihre Eltern im Himmel sie in ihrer Armut nicht sehen, auf das Hotel „Sachsenhof“ zusteuert.

Das Hotel in der Motzstraße 7 ist seinerzeit bei Künstlern sehr beliebt. Zur selben Zeit wie die deutsch-jüdische Lyrikerin halten sich die Schriftsteller Walter Hasenclever und Theodor Däubler sowie der Maler Oskar Kokoschka im „Sachsenhof“ auf.

1918 soll Else Lasker-Schüler eingezogen sein und das wohl nur, weil ein Bruder der Dichterin mit dem Hotelier Heinrich Münch befreundet gewesen ist. Von 1924 bis 1933, so ist draußen am Hotel auf einer Gedenktafel zu lesen, hatte sie im „Sachsenhof“ ein Dauerzimmer.

Else Lasker-Schüler, damals eine Frau in den Fünfzigern in Russenbluse oder Husarenkittel und in weiten Hosen, die unten zugebunden sind, bewohnt das unter dem Dach gelegene Zimmer mit der Nummer 74.

Sie nennt es „Kajüte“. In Briefen spricht sie vom „ersten Glücksfall allen Wohnens“, aber auch von einer „Eiskammer im Winter“. Sie ist vollgestopft mit allerhand Spielzeug, Puppen und lauter Krimskrams. Auf dem Fensterbrett ihres Logis streut sie jeden Morgen Vogelfutter aus. Sie habe „allmorgendlich den Meisentisch gedeckt“, wird sie später sagen.

Nach dem Scheitern ihrer zweiten Ehe mit Herwarth Walden, mit dem sie eine der bedeutendsten Kunst- und Kulturzeitschriften Deutschlands, den „Sturm“, gegründet hat, hat die Dichterin, Erzählerin, Dramatikerin und Essayistin des Expressionismus nie mehr eine richtige Wohnung. Manchmal muss sie sogar in Kellerlöchern oder auf Parkbänken nächtigen.

Else Lasker-Schüler ist stadtbekannt. Die einen halten sie für exzentrisch, die anderen für verrückt. Jeden Tag sitzt sie im Café, schreibt Bücher und Gedichte, trinkt Wasserkakao und isst Anisplätzchen, wie der Autor Jürgen Serke 1977 schrieb.

Else Lasker-Schüler fasziniert. Sie ist der „Prinz von Theben“. Sie hat einen erstaunlichen Freundes- und Bekanntenkreis. Dazu gehören Gottfried Benn, Franz Marc, Karl Kraus und Thomas Mann. Trotzdem lebt sie als dichtende Vagantin und meist in bitterer Armut, wenn die Künstlerkollegen nicht gerade etwas Geld gesammelt haben, oder sie, wie 1932, den damals begehrten Kleist-Preis erhält.

Das prekäre Leben lernt sie kennen, als sie aus freien Stücken aus der wohlbehüteten Bürgerlichkeit in der Ehe mit dem Berliner Arzt Berthold Lasker ausbricht, hinein in ihre eigene Wirklichkeit, in eine exotisch-orientalische Märchenwelt: „Ich will in das Grenzenlose/Zu mir zurück,/ Schon blüht die Herbstzeitlose/Meiner Seele, /Vielleicht – ist's schon zu spät zurück!“.

Verzweifelt und vereinsamt

Weil sie in ihrem Glauben, der erste Zauber der Liebe verlösche nie, stets von der Wirklichkeit enttäuscht wird, verzweifelt und vereinsamt sie, auch wenn noch viele Männer ihren Weg für eine kurze Zeit der Leidenschaft kreuzen. „Wenn sie keinen Liebhaber fand, zertrümmerte sie am Abend regelmäßig die Holzbalustrade in ihrem Hotelzimmer. Ich musste dann kommen und sie ausbessern. Sie ließ mich nicht eher gehen, bs ich ihr Frühstück gegessen und sie mir dabei ihre Gedichte vorgetragen hatte“, erinnert sich später ein Zimmermann, der für das Hotel „Sachsenhof“ gearbeitet hat.

1933 muss Else Lasker-Schüler vor den Nazis fliehen. Das Hotel kann nicht mehr für ihre Sicherheit garantieren, verspricht der Poetin aber, ihre Habseligkeiten in einer Dachkammer aufzubewahren. Ihr erster Zufluchtsort ist Zürich. Als sie als Landstreicherin verhaftet wird, weil sie auf einer Parkbank schläft, erfährt Else Lasker-Schüler von der öffentlichen Verbrennung ihrer Bücher. Dreimal reist sie nach Palästina, um schließlich 1937 endgültig zu bleiben, unterstützt unter anderem von der Judenvertretung Jewish Agency. Am 22. Januar 1945 stirbt sie, arm und verwirrt: „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“(Gottfried Benn).
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