Grünen starten Debatte zur Zukunft des ICC

Raumschiff im Parkmodus: Das ICC verschlingt sogar im Stillstand über drei Millionen Euro pro Jahr. Umso dringender muss eine Lösung her. (Foto: Schubert)

Westend. Ob nun die Landesbibliothek ins ICC zieht, ein Kulturbetrieb oder der Einzelhandel: Dass der Koloss am Messedamm Denkmalschutz erhält, scheint nach einer Fachdiskussion im Abgeordnetenhaus schon sicher. Aber ob ihn das vor unliebsamen Nutzungen schützt, ist damit nicht gesagt.

Jürgen Nottmeyer weiß noch, wie es vorher war. Aus eigener Anschauung kennt der Architekt das Wirtschaftsleben West-Berlins ohne ICC. Er erlebte mit eigenen Augen den Bau des teuersten Gebäudes dieser Ära. Heute gibt der 84-Jährige all denen eine Stimme, die den Verfall und die Schließung des ICC, das viermal den Preis als beste Convention Hall der Welt gewann, als politischen Skandal betrachten. Man habe die Sanierung so lange vor sich hergeschoben, bis sie an die Grenze der Unwirtschaftlichkeit geriet. "In den letzten 15 Jahren hätte die Erneuerung längst stattfinden müssen", sagte Nottmeyer während einer Fachdiskussion im Abgeordnetenhaus.

Auf Einladung der Grünen-Abgeordneten Nicole Ludwig beleuchteten dabei Gäste mit verschiedenen Standpunkten die Situation um das "Raumschiff" im Parkbetrieb aus allen Perspektiven. Stark vertreten: die Gruppe der Architekten, vereint in ihrer flammenden Begeisterung für ein Zeugnis der West-Berliner Moderne. Am Tisch saß zum Beispiel Hans Achim Grube, der auf Umnutzung von Industriebauten spezialisiert ist und an der Verwandlung des Heizkraftwerks am Ostbahnhof in den weltberühmten Technoclubs "Berghain" beteiligt war.

Als horrende Sanierungskosten von weit über 200 Millionen Euro bekannt wurden, war es Grube, der einen Umbau zur Landesbibliothek ins Spiel brachte. Eine Idee, die Nicole Ludwig wieder klar im Aufwind sieht. Nach den Investorengesprächen des Senats gelten andere Möglichkeiten aber als wahrscheinlicher: "Alle denken, das ICC wird ein Shoppingcenter, das alles andere toppt. Dem ist nicht so", versicherte Gutachterin Birgit Ricke. Einzelhandel sei lediglich ein "Baustein" und die Kongressnutzung in jedem Szenario mitbedacht. Fest steht dabei: Je kleiner die Handelsfläche, desto geringer die Wirtschaftlichkeit. Bis zu 52 000 Quadratmeter Handelsfläche seien im Gespräch, verriet Ricke. Sie kennt zwar detaillierte Pläne, muss darüber aber Stillschweigen bewahren.

Frei sprechen durfte Nils Busch-Petersen, Geschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Gerade die schon vorhandenen 63 Einkaufscenter sieht er als Zeichen dafür, dass dieses Konzept in Berlin funktioniert. Und im Verhältnis von Einwohnern zu Handelsfläche gebe es immer noch Potenzial. Da liege Berlin erst auf einem Niveau mit Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. Bei einer Nutzung des ICC als Mall fordert Busch-Petersen aber ein Konzept, das sich von bestehenden abhebt.

Verständnis für Interessen der Investoren zeigte Christian Wiesenhüter von der IHK. Eingeschränkte Variationsmöglichkeiten hätten dazu geführt, dass das ICC nur bei "Riesenveranstaltungen" zur Auslastung kam und ansonsten die geforderte Flexibilität für moderne Kongresse vermissen ließ. Kulturelle Schwerpunkte hält Wiesenhüter zwar für attraktiv, sie müssten sich aber rechnen. Bei der Einzelhandelsnutzung bleibe die Fragen, wie sehr die nahe gelegenen Geschäftsstraßen tatsächlich leiden. Eine neue Machbarkeitsstudie wird dazu erste Anhaltspunkte geben.


Thomas Schubert / tsc
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