LSB macht gegen Bewegungsdefizite von Kindern mobil

"Die Drittklässler sind noch keine Sportmuffel", sagt Jochen Zinner von der Hochschule für Gesundheit und Sport. (Foto: Matthias Vogel)
 
Wähnen das Projekt "Berlin hat Talent" auf einem erfolgreichen Weg: LSB-Chef Klaus Böger (li.), Jochen Zinner von der Hochschule für Gesundheit und Sport und Olympiaarzt Bernd Wolfahrt (re.). (Foto: Matthias Vogel)
Berlin: Landessportbund Berlin |
Von Matthias Vogel


Der Landessportbund (LSB) hat die Zwischenergebnisse seines Projektes „Berlin hat Talent“ präsentiert. Das Ziel den Nachwuchs zu fördern, hat sich auf dem Weg zugunsten des Breitensports verschoben.

Potenziale ausschöpfen, sporttalentierte Kinder an Vereine und im besten Fall an den Spitzensport heranführen – das ist die Idee, die hinter „Berlin hat Talent“ ursprünglich steckte. Fast 30 000 Drittklässler aus mehreren Bezirken absolvierten dafür von 2011 bis 2016 den „Deutschen Motorik-Test“ mit acht Übungen zu Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Beweglichkeit. Die Leistungen der Kinder wurden mit Urkunden belohnt und in fünf Gruppen eingeteilt – von „weit unterdurchschnittlich“ bis „weit überdurchschnittlich“. Aus den Ergebnissen entwickelte der LSB seine Handlungsstrategien.

Auf dem Weg zur Erhebung des Status quo ist der Sportbund dann von der reinen Talentförderung abgerückt. „Wir sehen im Sport mehr als nur die Verbesserung der motorischen und physischen Fähigkeiten. Sport bildet. Und uns ist stärker bewusst geworden, dass es Kinder gibt, die schlechtere Bildungs- und Lebensaussichten haben, wenn wir nicht intervenieren“, sagte LSB-Präsident Klaus Böger bei dem Pressegespräch am 27. November. Diese Erkenntnis hatte bereits Folgen für die Praxis. Der LSB fördert an den Berliner Schulen mit seinen sechs Talentsichtungsgruppen nicht nur die 90 Kinder mit sportlicher Begabung, sondern mit derzeit 41 Bewegungsförderungsgruppen auch die etwa 500 Schüler mit Defiziten.

Sport solle in der Gesellschaft mehr als sozialpädagogisches Medium verstanden werden, sagte Böger. Übungsleiter müssten entsprechend qualifiziert sein und deshalb könne seit Neuestem das Hochschulzertifikat zum „Bewegungspädagogen“ beziehungsweise „Bewegungs- und Talentcoach“ erworben werden. Das erste Semester läuft bereits, im Februar werden 40 Trainer, Lehrer, Übungsleiter und Referendare, die Kinder in Talentsichtungs- und Bewegungsfördergruppen nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen betreuen möchten, ihr Zeugnis in der Hand halten. Angestrebt ist sogar ein neuer Bachelor-Studiengang zum Sportsozialarbeiter, der dann in Festanstellung und implementiert in den Ganztagesbetrieb der Schulen Bewegungsförderungsgruppen leiten könnte, ohne Lehrer zu sein. „Wir arbeiten gerade an der Anerkennung und der Finanzierung und würden gerne zum Wintersemester 2018/2019 starten“, so Böger.

Neben weniger spektakulären Erkenntnissen wie dem Zusammenhang von überhöhter Mediennutzung mit dem wachsenden Grad der Unsportlichkeit förderte die von Jochen Zinner (Hochschule für Gesundheit und Sport) präsentierte Studie auch Neues zutage. So gibt es in den dritten Klassen weniger adipöse Kinder als vermutet. „In diesem Alter ist wirklich noch nichts verloren“, sagte Zinner. Ebenfalls der Rede wert: Der Wohnort spielt eine Rolle. Im Schuljahr 2016/2017 kamen 36 der 120 besten Schüler aus dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. 19 Prozent erreichten dort beim Motorik-Test weit überdurchschnittliche Werte, neun Prozent weit unterdurchschnittliche. „In Neukölln verhält es sich genau umgekehrt“, sagte Zinner.

Zwei Zahlen sind für die Sportvereine spannend. 71 Prozent der aktuell befragten 6000 Drittklässler wünschen sich Sport als Hobby, aber nur 48 Prozent sind bereits bei einem Verein aktiv. Brachliegendes Potenzial also. 500 000 Euro kostet das Projekt mittlerweile jährlich. Geld, das aus den Töpfen der Senatsverwaltungen Sport, Bildungen und Gesundheit, LSB-Mitteln und den Sponsoren Sparkasse und AOK stammt. Eine lohnende Investition findet Bernd Wolfahrt, Olympiaarzt und Facharzt für Sportmedizin an der Charité: „Die Studie ist wichtig. Durch die wissenschaftliche Begleitung des Projekts haben wir die Möglichkeit, konkret in der Praxis zu intervenieren.“
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