Der lange Weg nach Berlin

Adham hat Jura studiert und ist aus der syrischen Armee geflohen. (Foto: Angelika Ludwig)

Reinickendorf. Flüchtlinge sind Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten, um ihr Leben zu retten. Doch wie geht es weiter - hier in Berlin? Die Berliner Woche schaut hinter die Türen der Flüchtlingsheime und stellt einige der neuen Nachbarn vor.

Es ist ein heißer Tag in Berlin. Adham, ein 28-jähriger Syrer paukt Deutschvokabeln. Er ist ein kleiner sportlicher Mann mit zähem Durchhaltevermögen, starkem Willen und Ehrgeiz. Eigenschaften, die ihm bisher das Überleben ermöglichten. Nach seinem Jura-Studium in Aleppo musste er zum Wehrdienst in die syrische Armee nach Damaskus. „Nur wer Geld hat, kann sich dem entziehen.“

Das war 2010, eine Zeit, in der die Syrer mehr Demokratie forderten. Grund genug für die Regierung, mit fadenscheinigen Begründungen Kritikern terroristische Kontakte zu unterstellen. Unter den unschuldig Betroffenen waren auch Verwandte von Adham. Die Ermordung seines Cousins und dessen Söhne war für ihn der emotionale Wendepunkt. „Ich diene den Mächtigen und sie töten uns dafür.“

Voller Wut und Trauer beging er daraufhin Fahnenflucht und setzte so sein Leben aufs Spiel. Adham fand Wege, sich seinen Verfolgern zu entziehen. Noch auf der Flucht heiratete er. Da seine junge Ehefrau die Angst um ihn und vor den Bomben nicht mehr aushielt, flohen sie aus Syrien.

Träume und Hoffnung

Die türkische Stadt Reyhanli, bekannt durch die Flüchtlingslager an der syrischen Grenze, war ihr erster Zufluchtsort. Danach fanden sie in Antakya, einer Großstadt in der Südtürkei, eine Wohnung, und Adham arbeitete als Baumwollverkäufer. Er lernte Türkisch. Doch als sein Sohn geboren wurde, reichte der geringe Lohn für ein einfaches Leben nicht mehr aus, Chancen auf einen anderen Job gab es für Flüchtlinge nicht. „In der Türkei sah ich keine Zukunft für meine kleine Familie.“

Die Entscheidung für den studierten Juristen war klar, er machte sich allein auf den Weg nach Europa. Der Weg führte ihn über Griechenland, Serbien, Österreich nach Deutschland. Seine Frau lebt mittlerweile wieder in Syrien. Ein guter Freund passt auf sie und das Baby auf. „Er ist jetzt sieben Monate alt, ich habe ihn gerade über Skype bewundert“, erzählt Adham mit einem strahlenden Lächeln. Doch der Weg zueinander ist schwierig. Selbst wenn die deutschen Behörden einer Familienzusammenführung zustimmten, würde seine Ehefrau von den Syrern an der Ausreise gehindert und sofort festgenommen werden, sagt er. Denn in ihrem Pass ist ein Stempel vom türkischen Grenzübergang Reyhanli, „der macht sie für die Syrer automatisch zur Sympathisantin der Freien Syrischen Armee, die im Grenzgebiet durch die Türkei unterstützt wird. Doch wir finden eine Lösung.“

Trotz aller Schwierigkeiten ist er überzeugt, „ein Glückspilz“ zu sein. Wäre er sonst noch am Leben? Er sieht optimistisch in die Zukunft, freut sich auf eine eigene Wohnung, einen Job und darauf, wieder seinen Hobbys nachzugehen: kaligraphische Texte schreiben, Ping Pong spielen, leckere Gerichte kochen und Motorrad fahren. Gerne arbeitet er hart dafür. „Ich möchte ganz einfach Teil der deutschen Gesellschaft werden, mit allen Pflichten und Rechten, die es hier gibt.“ Syrien ist für ihn weit weg gerückt, „es ist ja völlig zerstört“.

Und wie würde er seine ersten Eindrücke in Deutschland beschreiben? „Deutschland ist ein einziger Termin. Ob beim Amt, beim Arzt, zum Essen, egal was – ohne Termine geht nichts“, sagt er und lächelt. Angelika Ludwig
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