Ein Bezirk, unterschiedliche Heimatgefühle

Museumsleiter Martin Düspohl sprach mit unserem Reporter Thomas Frey über die kleinen Unterschiede des Friedrichshainer und Kreuzberger Heimatgefühls. (Foto: Thomas Frey)

Friedrichshain-Kreuzberg. Früher habe Martin Düspohl (58) mit dem Begriff Heimat ein größeres Problem gehabt, als heute. Seit der Gründung im Jahr 1990 ist er Leiter des Kreuzberg Museums, aus dem später das Friedrichshain-Kreuzberg Museum wurde. Im Rahmen der Heimat-Serie sprach mit ihm Berliner-Woche-Reporter Thomas Frey.

Das Bezirksmuseum heißt nicht Heimatmuseum. War das eine bewusste Entscheidung?

Martin Düspohl: Ja, zu Beginn wäre wahrscheinlich niemand auf diese Bezeichnung gekommen. Der Begriff "Heimat" hatte ja einst etwas Provinzielles. Das hat sich inzwischen gewandelt. Heute geht es eher darum, wie sich Menschen ihre neue Heimat aneignen. Das gilt gerade auch für Friedrichshain-Kreuzberg.

Wie würden Sie das Heimatgefühl hier definieren?

Martin Düspohl: Erst einmal würde ich feststellen, dass sich noch kein gemeinsames Friedrichshain-Kreuzberger Heimatgefühl entwickelt hat. Es besteht eher in den einzelnen Ortsteilen oder Kiezen. Das ist wegen der Geschichte auch nicht verwunderlich. Friedrichshain und Kreuzberg waren immer Teile der Berliner Innenstadt und konnten nicht wie andere Bezirke, etwa Spandau, auf eine lange selbständige Vergangenheit zurückblicken. In Kreuzberg entstand ein eigenes Kiezbewusstsein, frühestens mit dem legendären Bürgermeister Willy Kressmann in den 1950er-Jahren. Und dann natürlich auch später während der Zeit der Hausbesetzer und der Alternativbewegung ab Ende der 70er-Jahre. Für Friedrichshain fällt mir auf, dass es häufig ein Heimatgefühl bei Menschen gibt, die dort inzwischen gar nicht mehr wohnen. Prägend zumindest für manche Kreise war außerdem die Zeit als der Ort ein Zentrum der Oppositionsbewegung in der DDR.

Das heißt, es gibt in beiden Ortsteilen eine Art Rückgriff auf eine „alte Heimat“?

Martin Düspohl: Das kann man so sagen. Wir sehen das auch bei Veranstaltungen, die wir zu Themen aus der Vergangenheit haben. Die sind alle gut besucht. Für manche sind sie auch Treffpunkt, um alte Bekannte wiederzusehen. Einst fand man sie in der Stammkneipe, aber die ist ja inzwischen von Touristen bevölkert.

Aber so gesehen bedeutet das auch eine gewisse Skepsis gegenüber Veränderungen, oder?

Martin Düspohl: Teilweise ja. Aber es stärkt auch die eigene Identifikation. Und was die weitere Zuwanderung betrifft, so lässt sich die ohnehin nicht verändern. Etwa zuletzt die vielen Neubürger aus Spanien, die sich im Bezirk ansiedeln. Spannend wird eher, was das für die Zukunft bedeutet und welches Heimatgefühl sich daraus entwickelt. tf
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