Die Geschichte des Urban-Krankenhauses

Eine Gebäudeskizze des alten Urban-Krankenhauses. Foto: Vivantes
 
Wie eine Trutzburg steht das heutige Krankenhausgebäude über dem Urbanhafen. Es wurde 1970 eröffnet. In den kommenden Jahren soll es für mehr als zehn Millionen Euro renoviert werden. Foto: Frey
Berlin: Urban-Krankenhaus |

Kreuzberg. Am 10. Juni 1890 öffnete das Krankenhaus Am Urban. Gefeiert wurde der 125. Geburtstag am 10. Juli. Die Klinik ist ein Spiegelbild der Geschichte Kreuzbergs. Aber auch bekannte Persönlichkeiten hatten dort ihren Auftritt.

Wie alles begann: 1881 stirbt Ottilie Beschort, Tochter des Opernsängers und Hofschauspielers Friedrich Jonas Beschort und hinterlässt rund 600 000 Mark. Sie hatte bereits 1862 bestimmt, dass das Geld nach ihrem Tod für den Bau eines städtischen Krankenhauses verwendet werden sollte.

Der Baubeginn: 1887 begann der Bau auf dem Grundstück zwischen Urban-, Grimm- und Dieffenbachstraße. Nach Plänen des Architekten Hermann Blankenstein entstand ein Ensemble aus mehreren Einzelgebäuden mit 575 Betten. Dieses ursprüngliche Klinikgelände wurde 2010 an eine Baugruppe verkauft, die dort ein Wohnquartier errichtete.

Berühmte Ärzte: Albert Fraenkel (1848-1916) und Werner Körte (1853-1937) waren die ersten Direktoren und gleichzeitig langjährigen Leiter der Inneren, beziehungsweise Chirurgischen Abteilung. Fraenkel entdeckte 1886 den Erreger der Lungenentzündung, Körte leistete Bahnbrechendes auf dem Gebiet der Gallen- und Bauchspeicheldrüsen-Chirurgie. In Kreuzberg haben sie auch als Namensgeber des Fraenkelufers und der Körtestraße ihre Spuren hinterlassen.

Doktor Döblin: Von 1908 bis 1911 war der junge Mediziner Alfred Döblin (1878-1957) Assistenzarzt im Urban-Krankenhaus. In der Klinik hatte er die Medizinstudentin Erna Reiss kennen gelernt und 1912 geheiratet. Nach damaliger Vorschrift mussten Assistenzärzte aber ledig sein. Alfred Döblin eröffnete deshalb in der Blücherstraße 12 seine erste Praxis. Später zog er in die heutige Karl-Marx-Allee. Schon während seiner Zeit am Urban hatte er sich literarisch betätigt. Weltbekannt wurde sein 1929 veröffentlichter Roman „Berlin Alexanderplatz“. Nach Alfred Döblin heißt die 1990 eingerichtete Klinikbücherei. Aber nicht seine Werke sind dort die Favoriten. Sondern Steven King, Wladimir Kaminer und die Bibel.

Dunkle Zeiten: Während der beiden Weltkriege wurden in der Klinik verwundete Soldaten behandelt. Sie war das Ziel von Bombenangriffen und lag in den letzten Apriltagen 1945 mitten in der Kampflinie. Während der Nazizeit wurden alle jüdischen Ärzte und Mitarbeiter entlassen. An sie erinnert eine Gedenktafel. Im Zweiten Weltkrieg unterhielt das Krankenhaus eine Dependance für Zwangsarbeiter im heutigen Schulgebäude in der Graefestraße 85 bis 88. Knapp 400 Menschen sind dort allein zwischen 1943 und 1945 gestorben.

Der geheime Gast: Während des Berlin-Aufenthalts des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King (1929-1968) im September 1964 war der Jockey Michael Meyer bei seiner Flucht über die Mauer von mehreren Schüssen getroffen und schwer verletzt worden. Mit Hilfe eines amerikanischen Soldaten schaffte er es nach Kreuzberg und wurde ins Urban-Krankenhaus eingeliefert. Als King davon hörte, entschloss er sich zu einem spontanen Besuch. Er blieb geheim, denn am Abend hatte der Bürgerrechtler einen Auftritt in der Ost-Berliner Marienkirche. Es gibt lediglich den Bericht von Michael Meyer, der 2014 von der Visite erzählt hat.

Pflaster für den Kanzler: Am 7. November 1968 verpasste Beate Klarsfeld dem damaligen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger in der Kongresshalle eine Ohrfeige. Sie wollte damit auf die NS-Vergangenheit des Regierungschefs hinweisen. Weil eine Augenverletzung nicht ausgeschlossen werden konnte, kam Kiesinger in die Unfallchirurgie des Urban-Krankenhauses. Dort wurden nur leichte Blessuren festgestellt. Mit einem Pflaster konnte der Kanzler die Klinik wieder verlassen.

Ungewisse Zukunft: Nach der Wiedervereinigung hatte Berlin zu viele Klinikbetten. Es kursierten Einsparlisten, die auch den Standort in Kreuzberg betrafen. Sogar ein völliges Aus war im Gespräch. Dagegen regte sich Protest. Am Ende stand 2000 ein Erhalt mit reduzierter Bettenzahl und eine Kooperation mit dem Krankenhaus Friedrichshain unter dem Dach des neuen Klinikkonzern Vivantes.

Und heute: Aktuell verfügt das Klinikum über 600 voll- und teilstationäre Betten. Jährlich werden rund 53 000 Patienten behandelt. 160 Ärzte und 360 Pflegekräfte arbeiten in zwölf medizinischen Fachabteilungen und der zentralen Notaufnahme. 2014 wurden 1450 Kinder geboren. tf
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