"Wir sahen keine Zukunft mehr"

Seit 1966 lebt Harald Kintscher in seinem Haus in der Mirower Straße. (Foto: hari)

Mahlsdorf. Harald Kintscher gehört zu den namhaften Heimathistorikern im Bezirk. Mit seiner Arbeit hat er das Heimatbewusstsein vieler Menschen gefördert.

Dabei ist Harald Kintscher kein gebürtiger Mahlsdorfer. Er gehört zu den Millionen Deutschen, die aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Geboren wurde er 1931 im damaligen Stettin. Nachdem die Russen kamen und dann die Polen, packte seine Familie ihre Sachen. „Wir wurden noch nicht offiziell ausgewiesen. Als Deutscher kam man aber noch schlechter an Essen und wir sahen keine Zukunft mehr in der damaligen Heimat“, erinnert er sich.

Die Familie verschlug es nach Burgenwalde bei Belzig. Kintscher begann nach dem Abschluss der Schule eine kaufmännische Lehre, schrieb sich aber dann für die Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) in Potsdam ein. Der neue, sozialistische Staat im Osten brauchte eine neue, gebildete Elite.

Kintscher studierte an der Humboldt-Universität Geschichte und begann 1961 an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin zu arbeiten. Seine Fachgebiete wurden Kulturgeschichte und Volkskunde, alles das, was man unter „Alltagsleben“ zusammenfasst. Als sein Institut 1991 „abgewickelt“ wurde, hatte sich Kintscher schon auf ein neues Feld als Historiker eingelassen: die Heimatgeschichte. Seit 1966 lebt er in Mahlsdorf und weil er Historiker war, kamen gelegentlich Menschen mit alten Drucken zu ihm. Eine der ersten dieser Schriften war ein Buch von Paul Großmann, dem Mahlsdorfer Heimathistoriker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es war der Auslöser dafür, dass der heute 84-Jährige sich mit Zeugnissen der Mahlsdorfer Geschichte beschäftigte. Als im Institut die Lichter ausgingen, wurde sie zu seinem Hauptbetätigungsfeld, zunächst als Wissenschaftler in unterschiedlichen Geschichtsprojekten und dann als Freizeitwissenschaftler.

Kintscher wurde Mitbegründer des Hellersdorfer Heimatvereins und seiner Kenntnis und Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass Mahlsdorf 1995 seine 650-Jahr-Feier angemessen feiern konnte. „Das Bezirksamt hätte das sonst verschlafen“, erinnert er sich.

Auch seine alte Heimatstadt Stettin besuchte Kintscher in den zurückliegenden Jahren. Sie wurde wieder aufgebaut, vor allem das Schloss. Die Stadt seiner Kindheit und frühen Jugend sei ihm dennoch fremd geworden.

Seine Heimat ist seit Langem Mahlsdorf. Über den Ortsteil weiß er mehr zu erzählen als die meisten Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind. „Man schafft sich seine Heimat und zwar da, wo man sich engagiert“, sagt er. hari
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