Mit Stadtgänger Bernd S. Meyer in der Zitadelle Spandau unterwegs

Spandau. Vor Bastionen und Kurtinen planschen die Enten, öfter kommt auch ein Graureiher vorbei. Ein friedliches Bild. Es hält schon seit 70 Jahren, seitdem die Zitadelle Spandau ihre militärische Bedeutung endgültig verlor.

Einst hatten die alten Slawen hier einen Burgwall. Dem folgte vor acht Jahrhunderten eine steinerne deutsche Burg, dann die Zitadelle. Das Wasser war schon immer bestimmendes Element gewesen. Ein System von Fluss, Gräben, Inseln und Brücken. Nahe der Zitadelle ermöglicht die Schleuse Spandau den Havel-Schiffsverkehr.

Spandaus Zitadelle gilt als eine der besterhaltenen Renaissancefestungen Europas. Ab 1560 in damals modernster neu-italienischer Manier von Francesco Chiaramella begonnen, weiter gebaut von Rochus Graf zu Lynar. Auf dessen Entwurf gehen auch Berlins ursprüngliches Stadtschloss und sein privates Schlösschen in Spandau zurück, die leider nur in Abbildungen überdauerten.

Auf der Zitadelle kann man beginnend mit dem Juliusturm und dem gotischen Palas der frühen Burg die Neu- und Umbauten aus 400 Jahren erkunden, die krassesten in den Jahren der Nazidiktatur, als hier vom Heeresgaslabor Giftgase entwickelt, geprüft und sogar kleintechnisch produziert wurden. In Konrad Wolfs Film "Ich war 19" von 1968 findet sich jene Szene, in der ein gemütlich schwäbelnder Wehrmachtsmajor am 1. Mai 1945 die Festung kampflos übergab. Eine Ehrung für Konrad Wolfs Freund, den jungen Offizier Wladimir Gall, der als einer von zwei sowjetischen Parlamentären in die Zitadelle geklettert war, und auch wegen seiner vorzüglichen Deutschkenntnisse Hunderten Zivilisten das Leben rettete.

Jahrzehntelang besuchte der spätere Moskauer Hochschuldozent regelmäßig die Zitadelle und setzte sich in seinen Begegnungen für Verständigung ein. 2005 zeichnete ihn der Bezirk Spandau mit der Eintragung ins Ehrenbuch aus.

Andrea Theissen, seit langen Jahren Leiterin des Spandauer Kunstamtes und des Stadtgeschichtlichen Museums und darum praktisch Festungskommandantin, betreut ganz aktuell das Projekt "Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler." Im Proviantmagazin aus der Renaissancezeit wird auf 124 Metern Länge und neun Metern Höhe reichlich Platz für diverse Denkmale aus 250 Jahren sein. Das Festungsareal birgt fünf Museen, freie Künstlerateliers und Werkstätten. So heizt seit fast einem Vierteljahrhundert bei der Bastion Kronprinz die vielseitig arbeitende Keramikerin Dorothea Nehrlich ihren Brennofen an, zeigt Besuchern gern ihre Schätze.

Jahrhundertelang roch es in der Zitadelle nach Pferden, Stiefelwichse und Gewehröl, zeitweise auch nach Pulverdampf und gefährlichen Chemikalien. An diesem Wochenende ist in den Italienischen Höfen an der Bastion Brandenburg wieder einmal die Hochzeitsmesse. Ein guter Ort, kann man doch in Spandaus Standesamts-Außenstelle Z. sein Ja-Wort geben.

Die Festungs-Führung mit Bernd S. Meyer, dem Mann mit der Leiter, beginnt am Sonnabend, 24. Januar, 11 Uhr. Treffpunkt ist an der Zitadellenbrücke. Verkehrsverbindung S 5, Bahnhof Spandau, U 7 bis Station Zitadelle, Bus X 33. Die Führung wird vom Bezirsamt Spandau unterstützt. Die Teilnahme ist für unsere Leser kostenlos. Allerdings ist eine Anmeldung erforderlich: Am Freitag, 23. Januar, von 10 bis 12 Uhr anrufen unter 25 93 04 97 84 26.

/ BSM
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