Kreisverband City West der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands verhindert schon im dritten Jahr Erinnerung an Zwangsarbeiter des Bezirksamts Wilmersdorf

Im Bezirk gibt es nur eine Gedenktafel für Zwangsarbeiter; an die mindestens 100 Lager erinnert keine einzige. Allerdings liegt seit Januar 2015 dem Bezirksamt ein Bericht vor, der sich mit diesem Thema beschäftigt und die Forderung enthält, das Bezirksamt möge am Ort des Bezirksamtslagers in der Wilhelmsaue 40 an die Zwangsarbeiter seiner Vorgänger erinnern. Zweieinviertel Jahre lang wird das nun verhindert. Die im Bezirk tonangebende SPD wendet dazu diese Methoden an:

1. Methode: Sich an die Spitze einer Forderung stellen
Im Mai 2015 brachte ihre Fraktion einen Antrag in die BVV ein und forderte das Bezirksamt auf, u m f a s s e n d zu forschen. Die prompte Antwort des Bezirksamtes: für „fundierte wissenschaftliche Recherche und Aufarbeitung des Sachverhaltes“ sei weder Personal noch Geld vorhanden.-- Der alte Trick, um elegant etwas zu verhindern, hatte also funktioniert: Möglichst viel fordern, damit es möglichst sicher scheitert!

2. Methode: Forschungsergebnisse in Zweifel ziehen
Natürlich muß man gewissenhaft vorgehen. Aber wenn die SPD City West, wie sie behauptet, ein Interesse an Erinnerung hätte, dann hätte sich seit 2015 das Lager in der Wilhelmsaue 40 dafür angeboten – und es bietet sich weiterhin dafür an! Denn drei Dokumente belegen dieses Lager so eindeutig, daß die Berliner Woche am 19.4.2017 feststellte: „Tatsächlich sehen es die meisten Experten als gesichert an, dass ein Zwangsarbeiterlager im Herzen von Wilmersdorf eben diese Adresse trug.“
Hier kommt nun das In-Zweifel-Ziehen zum Zuge. Es genügt zu sagen, „Ich habe noch Zweifel“, und irgendeinen Grund zu nennen, z.B.: „Wilhelmsaue 40 gab es offiziell nicht“. Man kann auch einen draufsatteln, wie es die sozialdemokratische Stadträtin Schmitt-Schmelz am 13.2.2017 in einem Gespräch tat, als sie zu bedenken gab, daß „40“ vielleicht ein Tippfehler sei und es „4c“ heißen sollte (was sie wenig später jedoch nur als „Scherz“ verstanden wissen wollte).-- Selbstverständlich ist jedem unbenommen, Zweifel zu haben, aber sie sollten doch eine gewisse Substanz haben.

3. Methode: Diskussionen vermeiden
Diskussionen sollen der Klärung dienen. Wenn man jedoch etwas nicht erreichen will, braucht man auch keine Klärung:
(a) Bürgermeister Naumann lehnte es ab, überhaupt ein Gespräch mit mir zu führen, indem er persönlich am 16.11.2015 per Email mitteilte, daß „eine Erörterung, wie von Ihnen erbeten, auf meiner Ebene derzeit nicht erfolgen kann“ – obwohl er sie zwei Monate zuvor auf einem Straßenfest noch zugesagt hatte.
(b) Stadträtin Schmitt-Schmelz empfing mich zwar zum Gespräch, lehnte es aber ab, meine Antworten auf die geäußerten Zweifel anhören, weil sie doch keine Historikerin sei – war jedoch problemlos in der Lage, einen weiteren Zweifel zu erfinden.

4. Methode: Verwirrung stiften
Der SPD City West hat sich ein Kulturwissenschaftler zur Verfügung gestellt, der seit bald zwei Jahren immer wieder neue Funde zur Zwangsarbeit macht, was an sich verdienstvoll ist. Diese Aktivitäten haben aber zu k e i n e r l e i Erinnerung an Zwangsarbeit geführt, denn sie werden nur benutzt, um die klaren Belege für das Bezirksamtslager als unvollständig, fehlerhaft oder falsch interpretiert in Frage zu stellen. Dabei ist doch aus der Forschungsarbeit zum Nationalsozialismus bekannt, wie akribisch die Beamten des NS-Regimes ihre Tätigkeit dokumentiert haben.

Warum sträubt sich die SPD City West, der Zwangsarbeiter des Bezirksamtes Wilmersdorf zu gedenken?

Hier kann man nur mutmaßen. Bürgermeister Naumann gab am 16.2.2016 einen Hinweis auf das Motiv, als er in der Gedenktafelkommission kundtat, daß sein Amtsvorgänger damals nur „der verlängerte Arm der Gauleitung“ gewesen sei. Wollte er damit sagen, daß er nur eine Marionette war und daher keine Verantwortung trug? Sozusagen sauber war? Und wenn sein Kollege aus der NS-Zeit keine Verantwortung trug, dann hätten wohl Bürgermeister Naumann und sein Bezirksamt heutzutage auch keinen Grund, historische Verantwortung zu übernehmen?

Liebe Sozialdemokratische Partei Deutschlands City West,

immerhin beteuerte Ihr Bürgermeister in seiner Email vom 16.11.2015: „Zunächst ist es mir nochmals wichtig zu unterstreichen, dass es notwendig ist, dass der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf das Thema Zwangsarbeitslager zum Gegenstand seiner Erinnerungskultur und Gedenkarbeit macht. Dies ist überfällig.“ Wenn dies nicht nur die politikerüblichen leeren Worte waren, sondern Sie dies wirklich für „überfällig“ halten, dann haben Sie seitdem leider anderthalb Jahre vertan (zusätzlich zu den 70 Jahren seit Kriegsende). Sie sollten sich an Kreuzberg, Lichtenberg und Treptow-Köpenick ein Beispiel nehmen – und außerdem an diesen Satz des renommierten Historikers Prof. Benz denken: „Weiterhin über Formalia zu rechten, um eine überfällige und für unser bürgerliches Selbstbewusstsein notwendige Geste zu verhindern, wäre unwürdig.


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Joachim Neu aus Charlottenburg | 26.04.2017 | 01:14  
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