Berliner ächzen unter den stetig steigenden Mieten

Berlin. Quadratmeterpreise auf Rekordhoch, Furcht vor Besitzerwechsel, zum Besichtigungstermin mit Bewerbungsmappe. Bloß jetzt keinen Umzug. Und wenn doch, wird es teuer. Braucht die Mietpreisschraube einen Dämpfer per Gesetz?

Als der Brief kam, begann die Angst. Es hieß, ein Gutachter wolle den Verkehrswert ermitteln. Prüfen, wie teuer man sie verkaufen kann, mitsamt ihrem Zuhause. Sie, das sind die Bewohner eines Gründerzeitbaus in der Schwartzkopffstraße 8. Ihr Zuhause, ein ergrauter, bröckelnder Fünfgeschosser in Mitte, sollte unter den Hammer. "Es gab großes Interesse an der Auktion", sagt Johannes Wilms. "Von Leuten mit starkem Renditeziel." Wilms, junger Lehrer und einer der Mieter, die sich gegen den Verkauf wehren wollen, weiß, was an diesem Abend noch nicht alle wissen. Die "Schwartze Acht" - das ist der Spitzname dieser Adresse - bleibt grau. Plötzlich doch kein Besitzerwechsel, keine Sanierung, keine Mietenexplosion. Die Auktion platzt überraschend, weil die Eigentümer des Hauses einen Formfehler begingen. Eine Chance, den Protest noch besser zu organisieren. Wilms weiß: Irgendwann wird sich das Spiel wiederholen. "Ich kenne dieses Muster von früher."

Zahlen oder ausziehen

Früher, das war seine Zeit in Prenzlauer Berg. Damals erlebte er zum ersten Mal, wie sein Haus verkauft wurde und er als letzter Mieter blieb. Die Sanierung durchstehen und dann ein Vielfaches zahlen - oder ausziehen. Das waren die Optionen. Das droht nun wieder.

Zur Nettokaltmiete von durchschnittlich 2,63 Euro wohnen in der "Schwartzen Acht" Berliner der preissensiblen Sorte: Musiker, Sozialarbeiter, Fotografen, Tischler. "Und ein Philosoph", ergänzt Heidrun Dobrah. Die Rentnerin lebte früher in Norddeutschland, bereiste dann mit ihrem Mann die halbe Welt. Und ließ sich anschließend in Mitte nieder. "Wir haben erst zur Probe hier gelebt, um herauszufinden, wie es in Berlin ist", sagt sie.

Probe bestanden

Berlin hat die Probe bestanden. Und während um sie herum die Mietpreise empor schnellten, verbrachten die Dobrahs entspannte Jahre. Die graue Fassade mag unansehnlich wirken. Aber sie isoliert gegen die Welt da draußen, wo sich die Miete verdreifacht hat. Wer kann, bleibt wo er ist.

"Leute nehmen lieber in Kauf, zu groß zu wohnen, etwa wenn ihre Kinder ausziehen, statt eine kleinere Wohnung zu suchen", sagt Rainer Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Auch das ist eine Folge der Teuerungsrate von 14 Prozent im vergangenen Jahr. Dass die Bundesregierung die Erhöhung von Bestandsmieten auf 15 Prozent in drei Jahren begrenzt hat, sieht Wild zwar mit Wohlwollen. "Der Motor der Verteuerung ist aber die Neuvermietung. Es ist ein Problem, wenn die Miete bei einem neuen Vertragsabschluss ohne Gegenleistung beliebig erhöht wird." Die Forderung des Mietervereins: Höchstens zehn Prozent mehr als die ortsübliche Vergleichsmiete sollten Vermieter verlangen dürfen.

Schaufensterpolitik

Das stößt denen, die Mieten einnehmen, bitter auf. "Man wird eines Mangels nicht Herr durch Regulierung", sagt Dieter Blümmel, Sprecher der Eigentümer-Schutzgemeinschaft "Haus und Grund." Dies gehe am Kern des Dilemmas vorbei. "Wer Preise beeinflussen will, die nach Empfinden vieler zu hoch sind, muss das Angebot erhöhen." Es fehle an Wohnungen in gefragten Lagen. Und bei einem Verbot von Luxussanierungen wie in Pankow handelt es sich aus Blümmels Sicht nur um "Schaufensterpolitik." Auf der Tabuliste steht zum Beispiel der Einbau von Fußbodenheizungen. "Dabei ist das die ökonomischste Art zu heizen. Man kann doch Immobilienbesitzern nicht verbieten, energiesparend zu sanieren."

Aber warum luxuriös erneuern, wenn sich schon mittelprächtige Bausubstanz als schick verkaufen lässt? Es ist ein windiger Sonntagnachmittag, da nestelt ein Makler an seinem Schlüsselbund, öffnet eine Tür, an der sich Graffitikünstler ausgelassen haben. In diesem Haus in Prenzlauer Berg lässt er zwei Wohnungen besichtigen. "Bitte machen Sie sich selbst ein Bild. Ich warte unten", sagt er den verdutzten Interessenten. "Und wundern Sie sich nicht über den dreckigen Boden. Es waren schon welche vor Ihnen da."

"Ein trauriger Anblick"

Zur Wahl stehen Zweiraumwohnungen zum Erstbezug nach Sanierung. Nettokaltmiete: knapp zehn Euro pro Quadratmeter. Claudia, mit Töchterchen Marlene erschienen, ist ernüchtert. "Ein trauriger Anblick", murmelt sie beim Blick in einen Hof, der seit dem Krieg wohl keine Auffrischung mehr erlebt hat. Das war in der Annonce nicht zu sehen. "Immer das Gleiche: Entweder hohe Provision oder schlechter Zustand", beschreibt Claudia ihre Erfahrungen. "Wir sind seit drei Monaten auf der Suche."

Ebenso versessen auf Prenzlauer Berg, ebenso ernüchtert: Camila und Lars aus Braunschweig. "Am Anfang will ich die Stadt kennenlernen. Da zahle ich lieber mehr und wohne im Zentrum", begründet Camila den engen Kreis ihrer Suche. Dass ihr marode Buden als "trendy" angeboten werden, sei Normalität. "Und es gibt jetzt eine besonders miese Masche", erzählt die Lehrerin: Internet-Annoncen mit verlockenden Bildern und verdächtig niedriger Miete. Einzige Bedingung für die sofortige Reservierung: Vorauszahlung der Kaution. Doch die Wohnung existiert gar nicht, das Geld sieht man nie wieder.


Ein Deckel für die Mieten

Mehrheit befürwortet Regulierung des Wohnungsmarkts



Bei unserer Frage der Woche gab es ein deutliches Ergebnis. 93 Prozent der Teilnehmer wollen eine gesetzliche Begrenzung der Mieten. Ein Votum ganz im Sinne des Berliner Mietervereins, der sich für eine Obergrenze beim Abschluss neuer Verträge einsetzt. Geschäftsführer Rainer Wild glaubt nicht, dass die Notsituation auf dem Wohnungsmarkt allein durch das Ankurbeln von Neubauprojekten, wie es der Senat vorsieht, zu beheben ist. "Es entstehen ja derzeit zu einem großen Teil Wohnungen im hochpreisigen Segment." Eine erkennbare Nachfrage sei in diesem Bereich zwar vorhanden, "aber sie wird irgendwann gesättigt sein". Gleichzeitig sieht Wild einen anhaltenden Zuzug. "Und es handelt sich zum großen Teil um Menschen mit geringem Einkommen." Umzüge innerhalb Berlins werden nach seiner Beobachtung seltener, die Nachfrage in zentralen Lagen bleibt jedoch hoch und die wenigen freien Wohnungen werden entsprechend teuer gehandelt. Um diesen Prozess zu stoppen, braucht es aus Sicht des Mietervereins eine gesetzliche Bremse, die von der Bundesregierung eingeführt werden müsste. Geforderte Grenze bei neuen Verträgen: höchstens zehn Prozent Aufschlag gegenüber der ortsüblichen Vergleichsmiete.
Hohe Nachfrage - hohe Mieten

Laut aktuellem Mietatlas der Gesellschaft GSW und des Immobilienunternehmens CBRE erlebte Berlin 2012 den höchsten Mietanstieg seit 20 Jahren. Wer einen neuen Vertrag unterschrieb, zahlt pro Quadratmeter nettokalt rund 14 Prozent mehr als 2011. 7,50 Euro pro Quadratmeter werden im Schnitt fällig. Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow (über acht Euro) sind am teuersten. Dagegen bleiben die Mieten in Spandau und Marzahn-Hellersdorf (unter 5,90 Euro) moderat. Gegenüber anderen Großstädten gilt das Kostenniveau immer noch als niedrig. Jedoch bleibt den stärker belasteten Mietern in Hamburg und München wegen höherer Einkünfte mehr Geld zum Leben. Der Senat will den Markt vor allem mit Neubau entlasten. Angepeilt sind mindestens 30 000 Wohnungen in der laufenden Legislaturperiode.

Thomas Schubert / tsc
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