Wiesenburger befürchten Verdrängung: Degewo sperrt Ateliers im einstigen Asylheim / Künstler schalten Anwälte ein

Wiesenburg-Bewohner und Chef des Vereins Robert Bittner vor den abgesperrten Künstlerateliers. Mittlerweile sind die meisten Zäune wieder weg. (Foto: Dirk Jericho)
 
Anfang Dezember ließ die Degewo Teile des baufälligen Schornsteins abtragen. (Foto: Dirk Jericho)
Berlin: Wiesenburg |

Gesundbrunnen. Nach der Übernahme der einzigartigen Wiesenburg in der Wiesenstraße 55 durch die Wohnungsbaugesellschaft Degewo vor einem Jahr verschärft sich der Konflikt mit den langjährigen Mietern der Denkmalruine. Die Degewo hat Ende November bis auf das Wohnhaus alle Bereiche gesperrt. Nach Protesten wurden sie jetzt wieder freigegeben.

Bildhauer, Metallbaukünstler, Maler oder Tänzer - die langjährigen Mieter der acht Ateliers im ehemaligen Frauenasyl konnten tagelang nicht mehr an ihre Arbeitsplätze. Nach weitgehenden Sperrungen auf dem 12 000 Quadratmeter großen Areal im März hatte die Degewo jetzt alles mit Bauzäunen dichtgemacht. Begründet wird dies mit „Gefahr für Leib und Leben“, wie den Mietern am 26. November mitgeteilt wurde. Im Zuge „weiterer Untersuchungen und Begehungen der Kellerbereiche“ hätten Statiker festgestellt, dass sie einsturzgefährdet sind. „Bei einem Einsturz von Kappendecken in ungesicherten Bereichen ist mit einem Dominoeffekt zu rechnen“, heißt es. Die Degewo hatte zuvor einen Kellerbereich bereits mit über 200 Stützen gesichert. Zudem mussten vom alten Schornstein wegen Einsturzgefahr vier Meter abgebaut werden. Auch deshalb hätten die Atelierzugänge aus Sicherheitsgründen gesperrt werden müssen, so Cordula Fay von der Degewo.

Am 15. Dezember hat die Degewo nach Protesten die meisten Ateliers wieder freigegeben. „Im Dominoeffekt krachte die Keller-Argumentation der Degewo zusammen“, schreiben die Wiesenburger auf ihrer Facebookseite. Die Künstler und Mieter, die sich nach der Degewo-Übernahme im Verein „Die Wiesenburg“ organisiert haben, befürchten dennoch dauerhafte Verdrängung. Dass die Gebäude „großflächig plötzlich zusammenbrechen könnten“, zweifelt Vereinschef Robert Bittner an. Der Filmemacher wohnt auf der Wiesenburg und kennt fast jeden Stein in den Ruinen. Jahrzehntelang haben die Nutzer und Unterstützer der Wiesenburg in unzähligen Arbeitseinsätzen die Ruinen gesichert und das Areal zu einer international bekannten Kunstoase gemacht. Bittner sagt, die Gutachten gebe es gar nicht, mit denen die Degewo die Komplettsperrung begründet hatte. Der Verein hat jetzt Anwälte eingeschaltet und sammelt Geld für kommende Rechtsstreitigkeiten. Der Chef des BVV-Bauausschusses, Frank Bertermann (Grüne), sagte bei einem Besuch der Wiesenburg am 9. Dezember: „Die Degewo soll mit den Leuten zusammenarbeiten anstatt sie obdachlos zu machen.“ Die BVV hatte im Oktober beschlossen, die „Wiesenburg als soziokulturellen Standort im QM-Gebiet Pankstraße zu sichern.“ Verein und QM sollen in die Planungen einbezogen werden. „Wir werden den Ort für nachbarschaftliche und soziale Aktivitäten im Quartier ausbauen“, sagt Degewo-Sprecher Lutz Ackermann. Die aktuellen Sperrungen hätten nichts mit der Zusage zu tun, gemeinsam mit allen Akteuren ein Nutzungskonzept zu erarbeiten. Im Januar soll dazu ein Workshopverfahren starten. „Wir haben den Auftrag, die Wiesenburg für Künstler zu erhalten“, so Ackermann.

Nach einem jahrzehntelangen Rechtsstreit mit dem Berliner Asyl-Verein für Obdachlose ist das Areal der Wiesenburg seit 2012 Landesvermögen. Die Degewo soll das Gelände denkmalgerecht sanieren. Die Gewerbemieter befürchten, dass teure Schickimicki-Galerien in aufgepeppten Ruinen entstehen und sie verdrängt werden. Erbaut wurde die Wiesenburg 1896 vom Berliner Asyl-Verein für Obdachlose, den Berliner Bürger wie Rudolf Virchow, Paul Singer oder die Industriellen Borsig und Boll gegründet hatten. Bis zu 700 Männer und 400 Frauen fanden in den Räumen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Asyl. Bis 1933 diente es der jüdischen Gemeinde als Heim. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude teilweise zerstört. In den Ruinen wurden etliche Filme wie die „Blechtrommel" von Volker Schlöndorff Sequenzen des Fritz-Lang-Films „M - Eine Stadt sucht einen Mörder" gedreht. DJ
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