Bücher als letzte Spur: Jüdisches Museum erhält Teilbestand des ermordeten Ehepaars Kahn

Renée Hirschfeld und die Bücher des Ehepaars Kahn. (Foto: Thomas Frey)
 
Der rechtmäßige Besitzer: ein Buch mit eingetragenem Namen und einem Adressenetikett. (Foto: Thomas Frey)
Berlin: Bibliothek Jüdisches Museum |

Friedrichshain-Kreuzberg. Es sind nur etwa 20 Bücher. Wem sie einst gehörten, ist in vielen akkurat vermerkt.

"Dr. Kahn" ist dort zu lesen. Oder auch Jacob und Käthe Kahn. In einem befindet sich auch ein Aufkleber mit der Adresse: Berlin, Stralauer Allee 31. Die Bücher sind die fast einzige Spur zum Leben dieses Ehepaares, das 1942 und 1944 im Ghetto Thersienstadt ermordet wurde. Sie gingen am 16. Juni an die Bibliothek des Jüdischen Museums. Das war der Wunsch von Renée Hirschfeld (68), einer in Stockholm lebenden Großnichte von Jacob und Käthe Kahn. Sie hat die Werke bei der Übergabe im Jüdischen Museum das erste Mal gesehen und in den Händen gehalten. Denn in den vergangenen Jahrzehnten befanden sie sich bei der Berliner Zentral- und Landesbibliothek (ZLB).

Wie sie dorthin gelangten ist ein Kapitel in dieser tragischen Familiengeschichte, das auch heute noch längst nicht auserzählt ist.

Vor seiner Deportation wurde auch dem Ehepaar Kahn sein Besitz abgenommen. Oft wurden Wohnungseinrichtungen oder andere Gegenstände während des Krieges verkauft oder versteigert. Auch staatliche Stellen oder Einrichtungen wie Bibliotheken hielten sich daran schadlos. Bekannt sei beispielsweise, dass die damalige Berliner Stadtbücherei, die Vorgängerin der heutigen Zentral- und Landesbibliothek, im Jahr 1943 rund 40 000 Bücher von der Pfandleihanstalt erwarb, erklärt Sebastian Finsterwalder. Woher die gekommen seien, wäre schon damals kein Geheimnis gewesen. Sie gehörten Menschen, die in die Vernichtungslager getrieben wurden.

Sebastian Finsterwalder kümmert sich zusammen mit einem weiteren Kollegen bei der ZLB um die NS-Raubgutforschung. Sie recherchieren, welche Werke aus ihrem Fundus zu diesem Komplex gehören. Bereits seit 2002 gebe es solche Untersuchungen, seit 2009 sogar sehr konkret. Trotzdem ähnelt ihre Arbeit oft der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. Zu zweit beschäftigen sie sich mit rund einer Million Bücher, die dafür in Frage kommen könnten.

Es gibt aber auch Erfolge, so wie jetzt bei der Familie Kahn. Ihre Bücher seien, wie der Raubgutforscher herausgefunden hat, Teil einer großen Übergabe des Berliner Magistrats in den Jahren nach 1945 gewesen. Laut damaligen Aufzeichnungen stammten sie von einer Verwertungsstelle, einer Person namens Dombrowski sowie aus einer beschlagnahmten Bibliothek. Wer und was sich dahinter verbirgt, sind nur einige von vielen noch ungelösten Fragen. Die eingetragenen Namen und dazu noch die Adresse hätten es dagegen einigermaßen leicht gemacht, dem Schicksal des Ehepaares auf die Spur zu kommen, sagt Sebastian Finsterwalder. Auch wenn es sonst kaum noch fassbare Erinnerungen an das Leben des Paares gibt.

Jacob Kahn, geboren 1870, war Arzt und Sanitätsrat und hatte eine anscheinend gut laufende Praxis, die sich im Wohnhaus an der Stralauer Allee befand. Seine Frau Käthe, geborene Hirschfeld, war zehn Jahre jünger und gelernte Krankenschwester. Nach der Heirat 1921 führte sie die Bücher ihres Mannes. Als jüdische Ärzte 1938 Berufsverbot erhielten, musste Jacob Kahn seine Praxis aufgeben. Das Ehepaar zog in einer kleine Gartenhauswohnung in der Mommsenstraße in Charlottenburg. Von dort wurden sie am 3. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Jacob und Käthe Kahn hatten keine Kinder. Den Raubgutforscher interessierte deshalb, ob es heute noch lebende Verwandte gibt. Auch mit Hilfe externer Rechercheure stieß er auf Renée Hirschfeld in Schweden. Dabei wäre der Weg zu ihr viel einfacher gewesen, wie sich später herausstellte. Renée Hirschfeld war nämlich dem Jüdischen Museum schon lange bekannt. Sie hatte dem dortigen Archiv bereits Dokumente ihrer Familie übergeben. Darunter auch Briefe von den Kahns. Käthe Kahn war die Schwester ihres Großvaters, ihr Vater Ludwig Hirschfeld (1912-2004) eine Art Lieblingsneffe des Arztehepaares. Ihm gelang 1939 die Emigration nach Schweden. Die meisten seiner Familienmitglieder wurden Opfer des Holocausts.

Anhand der Literatur lasse sich eine Menge über die Interessen und den Charakter ihrer Besitzer herauslesen, meint Sebastian Finsterwalder. Beim Ehepaar Kahn habe es sich anscheinend um Menschen mit breit gefächerten Interessen gehandelt, die sich mit den aktuellen Fragen ihrer Zeit beschäftigt hätten. Zu dem bisher entdeckten Fundus gehören Werke der Schriftsteller Thomas Mann oder Jakob Wassermann, eine Biografie über den Komponisten Carl Maria von Weber, eine "Geschichte der Juden in Deutschland", ebenso politische, philosophische, wissenschaftliche, manchmal auch eher pseudowissenschaftliche Abhandlungen. Zu letzteren zählt "Geist und Blut", verfasst von dem Prähistoriker Oswald Menghin (1888-1973), dessen Rassenlehre sich nur unwesentlich von der der Nazis unterschied.

Vieles spreche auch dafür, dass die bisher geborgenen Bücher nur einen kleinen Ausschnitt der einstigen Bibliothek von Jacob und Käthe Kahn darstellen. Wenn also weitere gefunden werden, was passiert dann mit ihnen?

Sie werde sich das überlegen, wenn es so weit sei, sagt Renée Hirschfeld. Wahrscheinlich werden sie dann ebenfalls an das Jüdische Museum gehen.

Drei Bücher aus dem Nachlass hat sie behalten. Eines für jedes ihrer drei Kinder. tf
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