Hugenottenviertel: Sanierung kostet 1,5 Millionen Euro mehr

Ruhig wohnen im denkmalgeschützten und sanierten Hugenottenviertel hinter der quirligen Friedrichstraße. (Foto: Dirk Jericho)

Mitte. Die Sanierung des Hugenottenviertels in der Friedrichstraße 129 wird viel teurer als geplant. Die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) nennt jahrelange Baustartverzögerungen durch Mieterproteste als Grund für die Kostenexplosion.

Die vom Krieg durchlöcherten Fassaden sind schick saniert und wärmegedämmt. Braune Holzisolierglasfenster passen bestens zu den warmen Beigetönen der Hauswände. Doch eine Fensterreihe fällt auf, weil sie nach wie vor weiß ist. Wie die WBM bestätigt, handelt es sich dabei um die Wohnung der Schauspielerin und Diseuse Gisela May.

Die 89-jährige Brecht-Interpretin lebt seit über 50 Jahren in dem Haus und hat sich jahrelang wie einige andere Mieter auch - die meisten wohnen seit Jahrzehnten hier - gegen die Sanierung und Modernisierung durch die WBM gestemmt. "Das gesamte Bauvorhaben hat schon gewackelt", sagt Steffi Pianka, für die die Blockadehaltung vor allem der berühmten Künstlerin "ein Riesenproblem" war.

Laut Pianka hat die WBM mit allen Mietern Einzelgespräche geführt. Doch der Sanierungsstart wurde durch Klagen immer wieder verzögert. Mediatoren hatten im Auftrag des Gerichts vermittelt; es gab etliche außergerichtliche Vergleiche und ganz individuelle Vereinbarungen zur Miethöhe oder Entschädigung von privat finanzierten Einbauten in den rund 70 Quadratmeter großen Wohnungen.

Auch konnten Mieter auf Wunsch während der stressigen Arbeiten in Gästewohnungen ziehen. Die Akademie der Künste habe sich während der notwendigen Strangsanierung in Gisela Mays Wohnung um standesgemäße Logis für die alte Dame gekümmert. Dass die Fenster nicht ausgetauscht werden konnten, "nehmen die Denkmalschutzbehörden zähneknirschend hin", sagt Pianka. "Wir können die Wohnung ja nicht aufbrechen und Frau May raustragen."

Der Mieterstreit habe zu "immensen Zusatzkosten" geführt, weil das ganze Projekt überarbeitet und die Ausschreibungen wiederholt werden mussten. Die Sanierung wurde insgesamt drei Mal verschoben. Dadurch haben sich die ursprünglich mit 3,4 Millionen Euro kalkulierten Kosten wegen gestiegener Baupreise auf knapp fünf Millionen Euro erhöht. Die neun Dachgeschosswohnungen, die in den leer stehenden Böden der 1924 gebauten Häuser entstanden sind, kosten jetzt satte 16 Euro nettokalt pro Quadratmeter, wie Pianka bestätigt.

Noch Anfang des Jahres hatte sie einen Preis von zehn Euro für die Neubauwohnungen genannt. Aber wie das in Mitte so ist: Die WBM hat kein Problem, die 70 Quadratmeter großen Wohnungen loszuwerden. "Es gibt schon viele Interessenten", so Steffi Pianka.

Das Hugenottenviertel

Die Hugenotten prägten ab 1686 das Leben auf dem Areal: beginnend mit dem Betrieb eines Hospitals, dem Anlegen eines Friedhofs (1709) über die Gründung eines Waisenhauses (1718), einer Elementarschule (1748), der Errichtung eines Krankengebäudes (1805-1807), dem Neubau des Waisenhauses (1844), der Gründung einer Pension für ältere Damen (1857) bis hin zur Errichtung des neuen Hospitalgebäudes (1877-1878). Erhalten geblieben ist nur noch der linke Flügel des neuen Hospitalgebäudes, im dem heute die Kita Pelikan untergebracht ist. Im Zweiten Weltkrieg wurden etliche Gebäude zerstört. Die heutigen Wohnhäuser wurden 1924/25 nach Entwürfen des Architekten Paul Zimmerreimer gebaut. Die Mieten steigen nach der Sanierung von durchschnittlich vier Euro pro Quadratmeter auf 5,75 Euro kalt, bei Neuvermietungen bis 6,95 Euro. Die neuen Dachgeschosswohnungen kosten 16 Euro nettokalt pro Quadratmeter.

Dirk Jericho / DJ
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