Stadtspaziergang zu fortschrittlicher Pädagogik und Wohlfahrtspflege

Schon ein historischer Stadtplan verrät dem Historiker eine ganze Menge. Stefan Zollhauser beim Spaziergang in Schöneberg. (Foto: KEN)
 
Die Krippe im Pestalozzi-Fröbel-Haus auf einer Postkarte aus dem Jahr 1907. Die Postkarte wird im Ida-Seele-Archiv in Dillingen an der Donau verwahrt. Foto: Wikipedia (Foto: Wikipedia)
Berlin: Pestalozzi-Fröbel-Hauses |

Schöneberg. Für Stefan Zollhauser nicht recht erklärbar: Im bürgerlich geprägten Schöneberg der Jahrhundertwende wurde eine fortschrittliche Pädagogik und Wohlfahrtspflege begründet.

„Schöneberg hatte trotz hohem bürgerlichen Wohnanteil und einer konservativen Politik die sozialen Probleme erkannt“, so der Historiker auf seinem Stadtspaziergang zur Geschichte der Fürsorge in Schöneberg Anfang März.

Die sozialen Probleme im Schöneberg des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert manifestierten sich in Heimarbeit für Frauen und Kinder, Lungenleiden aufgrund beengter und unhygienischer Wohnverhältnisse und hoher Säuglingssterblichkeit.

Es sind überwiegend bürgerliche Frauen, die aus Privatinitiative dagegen etwas unternehmen wollen, Frauen wie Henriette Schrader-Breymann und Annette Schepel. Sie gründeten 1874 das Pestalozzi-Fröbel-Haus (PHF) als „Berliner Verein für Volkserziehung“, heute eine der ältesten Ausbildungsstätten Deutschlands für soziale Berufe.

„Das Aufblühen (der) Anstalt wäre nicht ohne den großartigen Neubau des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in der Barbarossastrasse möglich gewesen“, wird in einer Jubiläumsschrift zum 100-jährigen Bestehen aus alten Dokumenten zitiert. „Durch die Vermittlung von Frau Hedwig Heyl gelang es Frau Schrader, eine edle Frau Berlins, Maria Elisabeth Wentzel-Heckmann, für die Ideen und Bestrebungen der großen Erziehungsanstalt zu interessieren. Frau Wentzel-Heckmann kaufte ein großes Grundstück zwischen der Grunewaldstraße und Barbarossastrasse und stiftete das Kapital zu dem Bau der beiden bekannten Häuser des Pestalozzi-Fröbel-Hauses I und II.“

So gibt Historiker Zollhauser auch vor dem 1896 bis 1898 errichteten mächtigen roten Backsteinkomplex an der Ecke Karl-Schrader- und Barbarossastraße seine Erläuterungen zum Wirken des Pestalozzi-Fröbel-Hauses: Gründung einer Arbeitsschule für Schulkinder, von Elementar-, Vermittlungs und Vorklassen, eines Mädchenheims, einer Koch- und Haushaltsschule durch Hedwig Heyl (1850-1934), einer Kinderkrippe, eines Jugendhorts und von Einrichtungen nur für Kinder, deren Mütter arbeiten mussten.

1908 feierte die von Alice Salomon ins Leben gerufene „Soziale Frauenschule“ (Haus III) auf dem PFH-Gelände Eröffnung. Alice Salomon (1872-1948), studierte Nationalökonomin, war eine Ikone der liberalen Sozialreform in der deutschen Frauenbewegung, Pazifistin und Wegbereiterin der Sozialarbeit als Wissenschaft. Auf Schöneberger Boden nahmen diese Entwicklungen ihren Anfang.

Ein paar Gehminuten entfernt dann das Kontrastprogramm. Stadtführer Stefan Zollhauser steht in der Elßholtzstraße, neben ihm die Sophie-Scholl-Oberschule. Sie war 1970 ein wichtiger Drehort für den Film „Bambule“. Das Drehbuch für das Fernsehspiel stammte von der Journalistin, radikalen Linken und späteren Terroristin Ulrike Meinhof. Der Film, der die autoritären Methoden der Heimerziehung in einem Mädchenheim kritisiert, spielte eine wichtige Rolle in der „Heimkampagne“ der Außerparlamentarischen Opposition (APO) ab 1965“. Die ARD strahlte den Film nicht aus. Drehbuchautorin Meinhof hatte sich zehn Tage zuvor an der Befreiung von Andreas Baader aus der Haft beteiligt. Es war die Geburtstunde der RAF. „Bambule“ wurde erst 1994 in den dritten Programmen gezeigt. Heute ist der Film in ganz guter Qualität auf Youtube zu finden. KEN
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