Bewohner wehren sich gegen Modernisierung ihres Hauses

Mieter Ulrich Rathgeber zeigt auf Schäden im Eingangsbereich. Seit über 30 Jahren sei im Haus nichts instand gesetzt worden. (Foto: KEN)

Schöneberg. Die Eigentümerin eines Wohnhauses auf der Roten Insel hat viel vor. Unterstützt von öffentlichen Mitteln soll der Altbau in der Leberstraße 36/38 umfassend modernisiert und instand gesetzt werden. Die Kehrseite der Medaille: Auf die Bewohner wartet eine Erhöhung ihrer Kaltmiete von bis zu 76 Prozent.

Viele Häuser in der Leberstraße sind bereits saniert. Kneipen und Boutiquen sind eingezogen. Alles wirkt schicker. Das Viertel verändert sich, sagt Harald Gindra von der Linken. Der Bezirksverordnete nennt Beispiele. Entlang des Sachsendamms würden neue Baufelder ausgewiesen. Auch das Gewerbegebiet nördlich des Südkreuzes soll aufgewertet werden. "Die Bedingungen für den Altbestand ändern sich hier rasch", meint Gindra.

Die Leberstraße 36/38 nennt der Verordnete einen Fall von Gentrifizierung - Strukturwandel eines Viertel, der die Abwanderung ärmerer und den Zuzug wohlhabender Bevölkerungsgruppen samt Anstieg des Wohnpreisniveaus zur Folge hat. Gindras Partei zeigt großes Verständnis für die Bewohner und fordert eine Begrenzung von Mietsteigerungen bei Neuvermietungen, eine Neuauflage des Milieuschutzes, der Luxussanierungen untersagt, und eine Verordnung, die Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen beschränkt oder auch untersagt.

Sibyll Klotz (Bündnis 90/Die Grünen), Stadträtin für Stadtentwicklung, musste unlängst feststellen, dass Entwicklungen wie in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain-Kreuzberg nun auch Schöneberg erreicht hätten. Nur: Erfolgreich Eingreifen kann die öffentliche Hand nur bei Wohnungen, die ihr gehören.

"Wir sind jedoch sicher, dass nach Abschluss aller Baumaßnahmen eine deutliche Verbesserung Ihrer Wohnsituation eintreten wird, die Sie sicherlich auch zu schätzen wissen", schreibt die Gesellschaft mit Hauptsitz in der Schweiz, deren Tochterfirma das ziemlich heruntergekommene Haus in der Leberstraße besitzt.

Für eine sechs- bis siebenstellige Summe werden Fassade, Dach und Kellerdecke wärmegedämmt, neue Fenster aus Kunststoff samt Lüftungsanlage für eine "DIN-gerechte Belüftung" und gegen Schimmelpilz eingebaut, die Terrassen der Erdgeschoss-Wohnungen saniert, vom ersten Stock bis zum Dachgeschoss Balkone angebaut, das Dachgeschoss für zwei Wohnungen ausgebaut und ein gläserner Außenaufzug montiert.

Ulrich Rathgeber ist einer der Mieter. Für ihn ist das angekündigte Modernisierungspaket keine Wohltat. "Wir wollen keine Modernisierung." Und: "Die Mietsteigerung ist wie eine Kriegserklärung an die Mieter", sagt Rathgeber, der den Widerstand der Bewohner, darunter Familien, Migranten und Leute, die schon 43 Jahre im Haus wohnen, organisiert. "Es wird auf einen Prozess herauslaufen."

Die Ankündigung der Eigentümerin habe die neun Mietparteien - fünf Wohnungen stehen seit Jahren leer - ohne Vorwarnung erreicht, so Rathgeber. "Menschliche Vermieter würden erst mit uns über den geplanten Umbau sprechen." Oder für die acht Monate der mit sehr großer Lärmbelästigung verbundenen Bauarbeiten alternative Wohnungen anbieten. Nichts dergleichen sei geschehen. Die Mieter haben Widerspruch eingelegt.

Ulrich Rathgeber hat zudem eine Einwohneranfrage für die nächste Sitzung der Bezirksverordneten am 21. Mai eingereicht: "Angesichts einer drohenden Mieterhöhung um 450 Euro monatlich durch angekündigte Modernisierungsmaßnahmen möchte ich wissen, ob die Erhaltungssatzung bzw. der Milieuschutz für Schöneberg auf die Leberstraße ausgedehnt werden kann."

"Diese Diskussion muss in der Bezirksverordnetenversammlung neu angeschoben werden", so Harald Gindra. Das Problem an der Sache: In einem Gutachten des Berliner Büros Topos für Stadt- und Landschaftsplanung und Stadtforschung wurden als am meisten von Gentrifizierung bedrohte Kieze die Quartiere Barbarossaplatz und Bayerischer Platz sowie Großgörschenstraße und Kaiser-Wilhelm-Platz genannt. Die Rote Insel steht an dritter Stelle. "Milieuschutz ist eine Frage von Geld und Personal", so Stadträtin Klotz. "Die Rote Insel hat bei uns aber weiterhin höchste Priorität."

Die Hauseigentümerin war bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.


Karen Noetzel / KEN
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