Rückschlag für „menschengerechten Stadt“ am Bundesplatz

Einmaliges Ereignis? Wehmütig blickt die Initiative zurück auf ihren Aktionstag, als es gelang, die Straßen um den Bundesplatz zu sperren. (Foto: Thomas Schubert)
 
Einmaliges Ereignis? Wehmütig blickt die Initiative zurück auf ihren Aktionstag, als es gelang, die Straßen um den Bundesplatz zu sperren. (Foto: Thomas Schubert)
Berlin: Bundesplatz |

Wilmersdorf. Sie inspirierten Stadtplaner über Jahre hinweg mit Einfällen und Taten, sie begeisterten bei einer „Paradies“-Aktion Mitbürger von ihren Ideen. Doch jetzt bekamen die Vordenker der Initiative Bundesplatz einen Dämpfer. Das neueste Gutachten durchkreuzt die Vision einer grünen Perle im verlärmten Viertel. Sechster und letzter Teil der Serie „Unser Kiez“.

Zwischen dem perfekten Tag und dem Datum der totalen Ernüchterung liegen nur wenige Wochen. Die Oktobersonne tauchte das „Paradies Bundesplatz“, einen autofreien Aktionstag mit Volksfeststimmung, in mildes Licht. Jetzt im Dezember fällt es für Wolfgang Severin und seine Mitstreiter schwer, noch einen Silberstreif am Horizont zu erkennen.

Autos haben Vorfahrt

„Das ist die Fortschreibung der autogerechten Stadt in alle Ewigkeit“, sagt Severin – und meint damit ein Gutachten der Planungsfirma „orange edge“ im Namen des Bezirks. Es beschreibt auf 32 Seiten so ziemlich das Gegenteil dessen, was Severin und der Initiative Bundesplatz für ihren Lebensmittelpunkt vorschwebt: weiterhin Vorrang für den motorisierten Verkehr, der sich um „Straßenbegleitgrün“ windet. Keine Zebrastreifen auf den „Spangen“ rechts und links des Platzes, keine Empfehlung für Tempo 30.

“Um dem heutigen Querungsbedarf auf Höhe zwischen Mainzer Streaße und der Statue ,Die Winzerin' gerecht zu werden, wird vorgeschlagen, eine Plateau-/Teilaufpflasterung auf der Fahrbahn, ohne Vorrangberechtigung der Fußgänger, einzubauen”, heißt es stattdessen in trockenem Bürokratendeutsch. Dass nicht genügend Anwohner die Straßen queren und daher offenbar kein Bedarf für den echten Überweg besteht, führt Severin auf ein Problem von Ursache und Wirkung zurück. Wenn kein Querungsangebot da ist, gibt es eben auch weniger Menschen, die queren wollen. Und folglich kommen Zahlen zustande, die den Wunsch, die Straße zu überwinden, zu klein bemessen.

Mit ihrem Ärger sind die Ehrenamtlichen vom Bundesplatz – sie sind treibende Kraft im derzeit laufenden Bundeswettbewerb „Zukunftsstadt“ – nicht allein. „Nach der jahrelangen Diskussion und den Aussagen sowohl aus dem Bezirk als auch vom Stadtentwicklungssenator ärgert es mich sehr, dass wir der Ausweisung von Tempo 30 an den Rändern des Bundesplatzes sowie einer echten Querungshilfe bis heute keinen Schritt näher gekommen sind“, beschwert sich der Wilmersdorfer CDU-Abgeordnete Stefan Evers. Dass man auf der Stelle tritt, nimmt auch Baustadtrat Marc Schulte (SPD) keineswegs mit Freude auf. Er verweist darauf, dass dieses Gutachten nur empfehlenden Charakter hat und nicht unbedingt politische Entscheidungen vorwegnimmt.

Allerdings platzt die Veröffentlichung in einen Phase, da sich Bezirk und Initiative neu sammeln müssen. Denn im kommenden Jahr gilt es, beim Wettbewerb „Zukunftsstadt“ mit weiteren Aktionen zu glänzen, der Jury aussagekräftigere Bilder zu liefern als die bisherigen. „Der Wunsch, den Autotunnel in der Mitte des Platzes zuzuschütten, wird nicht genügen“, befürchtet Stadtrat Schulte. Die Bürger vom Bundesplatz werden mit Herz und Verstand überzeugen müssen, die Behörden ebenso wie die Jury. tsc
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