Eine Stadt zum Vernaschen: Bürger sollen ihren Bezirk bald essen können

Kleingärtner machen es vor: Obst und Gemüse muss nicht unbedingt aus Supermärkten stammen. (Foto: Schubert)

Charlottenburg-Wilmersdorf. Beeren pflücken und Gemüse züchten - solche Vorzüge des Landlebens könnte auch die City West gut vertragen, meinen die Grünen. Ihr Antrag auf einen "essbaren Bezirk" fand nach einiger Verhandlung Zuspruch. Aber wäre der Appetit überhaupt gesund?

Auch Heimatgefühle gehen durch den Magen. Und manch einer hat Charlottenburg-Wilmersdorf so zum Fressen gern, dass er hier gärtnert - auf dem Balkon, am Wegesrand, als Laubenpieper. All diesen Zeitgenossen möchte die Grünen-Fraktion jetzt auch politisch entgegenkommen. Und stößt unter dem Schlagwort "Essbarer Bezirk" ein Pilotprojekt an, das dem Trend zum städtischen Gärtnern nicht einfach blind hinterherläuft, sondern ihn fundiert untersucht - mit intensiver Einbeziehung der Bürger.

"Dahinter steht die Idee, bei Neupflanzungen von Bäumen, Sträuchern und anderen Pflanzen im öffentlichen Raum bewusst auch essbare Arten, wie zum Beispiel Obstbäume und Beerensträucher, einzusetzen", heißt es im Antragsschreiben. Doch nicht alle denken dabei gleich an eine schmackhafte, bekömmliche Ernte. "Nutzpflanzen führen auch zu Fallobst", gibt Stefan Häntsch (CDU) zu bedenken, dessen Fraktion sich bei der Abstimmung enthielt. "Das kann Straßen schmierig und rutschig machen." Er selber sei als Stadtkind skeptisch, was den Verzehr von wilden Beeren anbelangt, wegen möglicher Schadstoffbelastung.

"Wir müssten Pflanzen auswählen, die möglichst wenig Schwermetalle aufnehmen. Zum Beispiel Nüsse", hält Ideengeberin Jenny Wieland (Grüne) dagegen. Wie die Beispiele des Ziegenhofs an der Danckelmannstraße oder des Gerhart-Hauptmann-Parks zeigen, seien Bürger auch bereit, für das großstädtische Bauerntum Zeit und Liebe zu investieren. Somit sei das Gärtnern nicht nur ökologisch interessant, sondern auch sozial. Der Bürgerdeputierte Matthias Reich sieht sogar einen christlichen Gedanken darin, wenn man das Erblühen und Vergehen des Lebens immer vor Augen hat.

Seitens der SPD-Fraktion, der Piraten und Linken sowie vom Bezirksamt hört man keine Einwände. "Entsprechende Ansätze gibt es ja schon im Klausenerplatz-Kiez und auf einigen Schulhöfen", verweist Umweltstadträtin Elfi Jantzen (Grüne) auf das Vorhandene. "Und wir haben die Gartenarbeitsschule in Schmargendorf, wo Kinder die Natur verstehen lernen." Chancen und Risiken, sagt Jantzen, müssen eben ausgelotet werden. Gerade deshalb das Projekt.


Thomas Schubert / tsc
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