„Sie sind ein Kiez-Anker“: SPD-Duo auf Tuchfühlung mit Händlern

Wie geht#s dem Gewerbe im Güntzel-Kiez? Das fragten sich SPD-Fraktionschef Raed Saleh und seine Parteifreundin Franziska Becker. (Foto: Thomas Schubert)
 
Glücklich im Güntzel-Kiez: Franziska Becker und Raed (l.) Saleh holen sich Rat bei Weinhändler Pascal. (Foto: Thomas Schubert)
Berlin: Güntzelstraße |

Wilmersdorf. Wie sieht sie aus, die Lebenswirklichkeit in kleinen Läden? SPD-Fraktionschef Raed Saleh besuchte Geschäftsleute im Wahlkreis der Abgeordneten Franziska Becker. Und pries eine Kaufkultur, die man in Berlin immer seltener findet.

Ein Blick ins Regal – und Raed Saleh geht wieder zur Schule. Reclam-Hefte, gelb und orange. „Von Dürrenmatt über Hauptmann bis Goethe. Das habe ich alles in diesen Heften gelesen“, ruft er aus. Der zweite Blick fällt aufs Pult direkt vor der Kasse. Hier liegt nicht Goethe, sondern ein Buch des ausgeschiedenen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis.

„Er klebt eben nicht an der Macht und ebnet den Weg für Gespräche", erklärt Saleh.
Und trotz Rücktritt verkauft sich Varoufakis, gleich neben der Kasse platziert, exzellent. Gelächter erklingt zwischen den Regalen. Sozialdemokratie an der Basis erweist sich in dem Fall als Angelegenheit, der Saleh und die Abgeordnete Franziska Becker heute voll Heiterkeit nachgehen. Von der Krise des Buchhandels blieb „Ferlemann und Schatzer“ bislang verschont. Warum das so ist? Weil man hier auf der Güntzelstraße viel nachdenkt beim Kauf. „Buy lokal“ – also shoppen im Lädchen um die Ecke statt online – das haben Kunden in diesem Teil Wilmersdorfs verinnerlicht, weiß Mitinhaberin Hanne Schatzer. „Wer hier kauft“, sagt sie „will den Kiez erhalten.“

Es ist nicht das letzte Mal an diesem Vormittag, dass Saleh und Becker solch eine Aussage hören. In weiten Teilen der Güntzelstraße, so scheint es, ist der kleinteilige Handel kräftig verwurzelt. Gleich nebenan empfängt das Damenmodegeschäft „Comme“ Kundschaft aus allen Teilen der Hauptstadt, auch wenn es ein paar Euro mehr kostet als bei einschlägig bekannten Textilriesen. „Das Wichtige ist doch der Gegenwert fürs Geld“, meint Monika Oehle. Ihr Laden will das genaue Gegenstück zu einer gewissen irischen Modekette sein, in der man schmissige Shirts manchmal ohne Anprobe in Papiertüten schaufelt. „Und die halten nur ein paar Wäschen. Dann braucht man neue“, wirft Becker kopfschüttelnd ein. Oehles Kunden waschen entschieden länger an ihrer Kleidung, ehe sie neue brauchen. Und kommen dann wieder. Das SPD-Duo auf Stippvisite stößt auch hier auf Einsichten, die in anderen Teilen Berlins vergessen sind.

Und draußen auf der Straße? Da äußern Anwohner ihre Sorgen höchstens in Nebensätzen. Händler beurteilen die Kaufkraft als ausreichend, auch wenn schon ertragreichere Jahre gab als diese.

„Da haben die Friseure montags tatsächlich noch zu“, sagt Saleh beim Anblick einer verschlossenen Tür. Daheim in Spandau sieht er dergleichen nicht mehr oft. „Hier gibt es ein richtiges Gemeinschaftsgefühl“, begeistert er sich für Händler, die Kunden mit Namen grüßen. Und in der Weinhandlung „Bruhn“ trägt ihnen Pascal, ein Herr mit französischem Akzent, auch noch die Kisten zum Auto. „Auf Wunsch liefern wir auch nach Hause“, merkt er an.

In diesem Stück Berlin geht es beim Handel nicht nur ums Verkaufen. An den Theken, so erkennen Becker und Saleh, stehen bisweilen Psychologen, Ernährungsberater und ähnlich berufene Kenner. „Sie sind ein Kiez-Anker“, tröstet Saleh eine leicht verstimmte Feinkosthändlerin. Worte, die seinen Respekt vor den Alleskönnern an der Kasse in politische Worte packen. Höchstens noch zu Wahlkampfzeiten tauchen die führenden Köpfe des Preußischen Landtags so sehr in die Tiefen der Stadtviertel ein wie zur Sommerpause. Kiez-Anker sind sie also, die Damen und Herren in stuckbesetzten Verkaufsräumen. Hier an der Güntzelstraße gibt es sie noch.

Ob die Gegend deshalb den Wirren des Wirtschaftens mit kleinen Läden widerstand? Franziska Becker glaubt daran. „Hier hat die problematische Art von sozioökonomischem Wandel nicht stattgefunden“, erklärt sie sich den Zustand. „Und die Leute, die hier leben, wissen individuellen Angebote zu schätzen. Sie kaufen ganz bewusst ein.“ Aber schon am Bundesplatz komme man in schwierigere Gefilde. Ein Anzeichen dafür: Spielhallen füllen leere Lokale. Manche sind kaum noch zu vermieten. Und Friseure, die sich halten wollen, die haben auch montags auf. tsc
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