Schriftsetzer und Musiker: Dieter Körner trat beim Kabarettabend des Volksblatts auf

Die Gruppe Old Spandow Function (Dieter Körner ist 2. von links) trat auch bei Veranstaltungen des Spandauer Volksblatts auf. (Foto: Privat)

Spandau. Die Geschichte einer Zeitung ist auch Technik- und Kulturgeschichte. Dieter Körner hat 1959 eine Lehre als Schriftsetzer beim Spandauer Volksblatt begonnen, und zugleich eine Musikerkarriere gestartet.

Es war eine gute Lehre, so lautet noch heute das Urteil von Dieter Körner über seine Zeit beim Spandauer Volksblatt. Und das auch, weil er sich an schon damals nicht ganz korrektes Verhalten erinnert, das aber längst verjährt ist.

Als Körner 1959 seine Schriftsetzerlehre begann, wurden die Auszubildenden noch „Stifte“ genannt. Dass sie in der Arbeitsplatzhierarchie unten standen, sah man daran, dass sie nicht rauchen durften, in einer Zeit, in der es kaum rauchfreie Betriebsstätten gab. Die Stifte verzichteten trotzdem nicht auf Tabakgenuss. Zum Rauchen gingen sie in die Keller-Toiletten, oder sie nutzten einen abschließbaren Raum für Putz- und Schmierstoffe neben der Rotation. Das war eigentlich bodenloser Leichtsinn, aber passiert ist immerhin nie etwas.

Mitunter halfen die Lehrlinge in der „Papierstampe“ beim Abpressen von Altpapierpacken. Dabei fielen ihnen eines Tages Andruckbahnen für die Anzeige eines Schaustellers auf. Der hatte beim Schützenfest auf dem Schützenhof-Gelände einen Autoscooter aufgestellt, und versprach bei Vorlage der Anzeige im Spandauer Volksblatt eine Freifahrt. Die Fahnen wurden schnell mit einer Schere aus dem Altpapier befreit, und jeder Stift hatte damit rund 30 Freifahrten. Weil sie die nicht inflationär nutzten, fiel auch niemandem auf, dass die „Anzeigen“ auf der Rückseite nicht bedruckt waren und damit auch nicht aus der Zeitung stammen konnten.

Für die Jugendlichen von damals war aber nicht nur die Lehre und der eine oder andere damit verbundene Streich wichtig. Ende der 1950er Jahre kam aus England die Skiffle-Musik, bei der Musik mit Waschbrett, Kistenbass und anderen Haushaltsartikeln gemacht wurde. In Berlin tingelten zahlreiche Skiffle-Bands durch Jugendheime und Gemeindehäuser.

Körner schloss sich der Spandauer „Old Spandow Function“ an, genauso wie sein Volksblatt-Drucker-Lehrkollege Peter Langhorst. In aller Bescheidenheit spricht Körner davon, dass es auch in der Zitadellenstadt bessere Formationen gab, wie zum Beispiel die „Skiffle Babys“ mit Bernie Perck, die immerhin bei einem Skiffle-Wettbewerb in der Deutschlandhalle das „Goldene Banjo“ gewannen.

Das Lied von der Ziege

Die Volksblatt-Lehrlinge aber konnten auf das Interesse ihrer Redaktion setzen. Am 24. Dezember 1961 erschien ein Artikel über die „Old Spandow Funktion“, und die Band durfte mehrmals bei den „Bunten Kabarettabenden des Spandauer Volksblatts“ in den Spandauer Festsälen auftreten. Bei einem dieser Auftritte lobte ein älterer Zuschauer die Band für das „Lied von der Ziege“. Die Musiker verstanden erst nicht richtig, bis der Groschen fiel: Im Song "Gambling Man" wird "man" mehrfach wiederholt, und der Zuhörer hatte „mäh, mäh, mäh“ verstanden. Aufgeklärt haben die Function-Leute den Mann aber nicht, sondern dankbar seine Runde „Puschkin mit Kirsche“ an der Bar genossen.

Nach seiner Schriftsetzerlehre hat Dieter Körner das Spandauer Volksblatt verlassen, liest es aber bis heute wegen seiner Informationen aus Spandau. Und der Skiffle-Musik ist er auch treu geblieben. Mit der Band „Searchin’ the roots“ tritt er immer mal wieder im Kaiserhof auf. CS

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