Eine neue Epoche: Grüne nominieren Canan Bayram als Ströbele-Nachfolgerin

Staffelstabübergabe: Canan Bayram folgt auf Hans-Christian Ströbele als Grüne Bundestagskandidatin. (Foto: Thomas Frey)
 
Ein Gegenkandidat, der dann nicht wirklich einer war. Canan Bayram mit Oliver M. Debuschewitz. (Foto: Thomas Frey)

Kreuzberg. Canan Bayram ist offiziell die Bundestagskandidatin der Grünen für den Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg/Prenzlauer Berg-Ost.

Eine Mitgliederversammlung in der Kreuzberger Tanzschule Maxixe nominierte die 51-jährige Rechtsanwältin am 11. März als Nachfolgerin von Hans-Christian Ströbele, der nicht mehr antritt. Ströbele hatte seit 2002 vier Mal hintereinander und als einziger Grüner bundesweit das Direktmandat gewonnen und das teilweise mit Ergebnissen knapp unter 50 Prozent.

Auch Canan Bayram soll das gelingen. Für das bisherige Abgeordnetenhausmitglied votierten bei 60 abgegebenen Stimmen 57 Delegierte. Auf zwei Zetteln stand Nein, einer war ungültig. Ein eindeutiges Ergebnis, auch wenn zunächst sogar ein Gegenkandidat aufgetreten war.

Oliver M. Debuschewitz, nach eigenen Angaben Schauspieler, Musiker, Moderator und derzeit "in der Besoldungsgruppe H(artz) IV", begründete seine Bewerbung damit, dass sich die Grünen inzwischen weit von ihren einst verfochtenen Idealen entfernt hätten. Wobei er Canan Bayram von dieser Kritik ausdrücklich ausnahm. Einige seiner Anmerkungen hatte zuvor bereits Hans-Christian Ströbele aufgegriffen. Der zeigte sich in seiner Rede besorgt über die derzeitige gesellschaftliche Situation und konstatierte einen erheblichen Vertrauensverlust für die etablierte Politik. Die wäre "nicht mehr in der Lage, die Probleme zu lösen". Als Rezept dagegen empfahl der Altmeister einen dezidiert linken Wahlkampf, um auf dieser Seite eine Gegenmacht einzurichten. Dazu gehörten Fragen wie die nach einer gerechteren Verteilung des Reichtums und den Ursachen für die Flüchtlingsströme. Wenn schon nicht in der gesamten Partei, so doch im Wahlkreis erwartet Ströbele eine klare Position, womit er offene Türen einrannte.

Natürlich auch bei seiner Nachfolgerin, die verschiedene Politikfelder von Flucht und Migration, Soziale Gerechtigkeit, Wohnen, Mieten und Verkehr aus ihrer und damit Friedrichshain-Kreuzberger, respektive Prenzlauer Berg-Ost-Sicht durchdeklinierte. Es gehe um die "offene Gesellschaft, die aktuell gefährdet ist". Bei ihrer Kandidatur setze sie auf ein enges Bündnis mit Gruppen, Initiativen und insgesamt der Stadtgesellschaft. Auch mit denen, die auf die Straße gehen. "Für diese Menschen möchte ich die Stimme im Bundestag sein."

Dass die Wahl schon wegen der aktuellen Schwäche der Grünen kein Selbstläufer wird, ist nicht nur Canan Bayram klar. Bereits 2013 ging bei den Zweitstimmen der erste Platz an die Linken. Überlagert wurde dieser Fakt damals durch das erneut fulminante Erststimmenergebnis für Hans-Christian Ströbele.

Das Gefühl, es werde auch im September mit dem Direkteinzug in den Bundestag wieder irgendwie klappen, könnte ebenfalls zu einem Gegner werden. Denn gemessen am Interesse für die Kandidatinnenkür gibt es durchaus noch Nachholbedarf in Sachen Motivation. 1200 Mitglieder waren zumindest theoretisch wahlberechtigt, es kamen aber lediglich 60. Selbst beim bei den Grünen traditionell vorgeschalteten Meinungsbild, an dem sich auch Menschen beteiligen dürfen, die aus verschiedenen Gründen von der regulären Abstimmung ausgeschlossen sind, machten nur knapp 90 mit. In beiden Fällen hätten es eigentlich einige mehr sein müssen, beklagte ein Parteifreund. tf
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