Ende eines bizarren Kunststreits: In der Nähe des Mehringplatz steht jetzt ein Denkmal für Marie Juchacz

Denkmalenthüllung mit vereinten Kräften. Auf dem Bild unter anderem Martin Schulz (Vierter von rechts), links neben ihm AWO-Chef Wilhelm Schmidt, ganz rechts Künstler Gerhard Winner, Dritte von links Lydia Struck, die Urgroßnichte von Marie Juchacz. (Foto: Thomas Frey)
 
Das umstrittene Denkmal in der Gesamtansicht. (Foto: Thomas Frey)
Berlin: Mehringplatz |

Kreuzberg. Spätestens, als der SPD-Kanzlerkandidat sein Kommen angekündigt hatte, war klar: Auch diese Veranstaltung hatte irgendwie mit Wahlkampf zu tun.

Martin Schulz war zugegen, als am 18. August auf einer Grünfläche am südöstlichen Rand des Mehringplatzes das Denkmal für Marie Juchacz (1879-1956) eingeweiht wurde. Die Politikerin und Frauenrechtlerin ist eine wichtige Repräsentantin in der Ahnenreihe der deutschen Sozialdemokratie. Und sie hat darüber hinaus ihren Platz in der deutschen Geschichte.

Marie Juchacz war die erste weibliche Person, die 1919 im Reichstag das Wort ergriff. Das aktive und passive Wahlrecht für Frauen war erst kurz zuvor, mit Beginn der Weimarer Republik, eingeführt worden. Dankbarkeit dafür drückte die Rede der Abgeordneten allerdings nicht aus. Vielmehr habe die Regierung nur ein bisheriges Unrecht beendet, nämlich die Hälfte der Bevölkerung von der politischen Teilhabe auszuschließen, fand Marie Juchacz. Ein Auftreten, das den Kanzlerkandidaten auch fast 100 Jahre später noch faszinierte.

Marie Juchacz zweite große Leistung war die Gründung der Arbeiterwohlfahrt (AWO), als deren Vorsitzende sie bis 1933 amtierte. Die AWO ist bis heute eine wichtige soziale Vorfeldorganisation der SPD. Von ihr, beziehungsweise ihrer Stiftung kam auch die Idee für das Denkmal. Sein Standort an der Gitschiner Straße zwischen Mehringplatz und Lindenstraße ist ebenfalls kein Zufall. Denn vis-à-vis davon befand sich der Arbeitsplatz von Marie Juchacz. Sie wurde während der Nazizeit zur Emigration gezwungen, lebte in New York und kehrte Ende der 1940er-Jahre nach Deutschland zurück. Eine Biografie, an die eigentlich schon lange in der Stadt hätte erinnert werden können. Doch um die Errichtung des Denkmals war es im Vorfeld zu einer Auseinandersetzung gekommen. Sie drehte sich nicht um politische, sondern um künstlerische Fragen.

Gegen eine Erinnerung an das Leben und Wirken von Marie Juchacz gab es bereits vergangenes Jahr im Kulturausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) keine Einwände. Auch das Geschlecht, Stichwort nur Frauennamen auf Straßen und Plätzen, stimmte. Einwände kamen aber vom Gremium "Kunst im öffentlichen Raum". Dieser Beraterkreis im Bezirk bemängelte zum einen, dass der Auftrag für das Denkmal nicht Resultat einer Ausschreibung gewesen sei, sondern von der AWO-Stiftung an den Künstler Professor Gerd Winner vergeben worden sei. Zudem entspreche dessen Arbeit nicht den "inhaltlichen und ästhetischen Ansprüchen", lautete ein weiteres Verdikt der (sich) berufenen Sachverständigen. Was wohl vor allem bedeutete, es war nicht nach ihrem Geschmack. Genau diese unterschiedlichen Ansichten über jede Art von Kunst führte die AWO unter anderem als Gegenargument ins Feld. Außerdem werde das Monument von der Stiftung sowie durch Spenden bezahlt, benötige also keine öffentlichen Mittel. Gekostet hat es einen "unteren sechsstelligen Betrag".

Am Ende konnte die Arbeiterwohlfahrt den bizarren Kunststreit für sich entscheiden. Das Denkmal wurde analog der Vorlage von Gerd Winner errichtet. Es besteht aus rostbraunem Salzgitterstahl. Darin eingraviert sind neben dem Portrait von Marie Juchacz die Begriffe Gleichheit, Toleranz, Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit.

Vor allem die Gerechtigkeit bildete dann, analog des SPD-Wahlkampfs, die Vorlage für Martin Schulz. Denn diese Frage sei noch immer aktuell und die Auseinandersetzung darüber genauso wenig vorgestrig, wie zu Zeiten von Marie Juchacz. tf
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