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Ort der Dramen: Das Willy-Brandt-Haus steht nicht zufällig an seinem Platz

Wo: Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, 10963 Berlin auf Karte anzeigen
Parteizentrale in parteihistorischer Gegend: das Willy-Brandt-Haus.
Parteizentrale in parteihistorischer Gegend: das Willy-Brandt-Haus. (Foto: Thomas Frey)

Das Willy-Brandt-Haus liefert häufig Fernsehbilder. Zuletzt sogar mehrmals am Tag.

Das SPD-Hauptquartier zwischen Wilhelm- und Stresemannstraße war in den vergangene Wochen ein Ort für die Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen für die möglicherweise erneute schwarz-rote Bundesregierung. Und aktuell für die parteiinternen Dramen. Nicht nur sie sollen hier eine Rolle spielen, sondern auch die Frage, warum das Haus an dieser Stelle steht. Und damit Kreuzberg regelmäßig in den bundesweiten Blick rückt. Denn das ist kein Zufall, sondern historisches Erbe.

Nach dem Ende des Sozialistengesetzes 1890, das der Partei zwölf Jahre lang die politische Betätigung weitgehend verboten hatte, richtete die SPD ihr erstes Quartier in der Katzbachstraße 9 ein. Es befand sich in der Wohnung ihres Sekretärs Ignatz Auer (1846-1907). Eine Tafel am Haus erinnert bis heute daran. Einige Jahre später folgte der Umzug einige Meter weiter in die Kreuzbergstraße 30, ehe sich die SPD 1905 in der Nähe des Belle-Alliance-Platzes, dem heutigen Mehringplatz, ansiedelte. Also ganz in der Nähe ihres heutigen Domizils. Zunächst in dem Gebäude der Parteizeitung "Vorwärts" in der damaligen Lindenstraße 69. Später kamen die Grundstücke Lindenstraße 2, 3 und 4 hinzu, bis 1925 weitere Flächen bis zur Alten Jakobstraße. Sie beherbergten neben dem Vorstand, Mitarbeitern der Parteizentrale und dem Vorwärts-Verlag mit Druckerei auch die Parteischule sowie zahlreiche Vorfeldorganisationen, etwa ab 1919 die Arbeiterwohlfahrt (AWO). An ihre Gründerin Marie Juchacz (1879-1956) erinnert seit August 2017 ein Denkmal auf der Freifläche südöstlich des Mehringplatzes.

Während der Revolution ab November 1918 wurde der Gebäudekomplex zu einem Zentrum gewaltsamer Auseinandersetzungen. Anhänger einer kommunistischen Räterepublik besetzten Anfang Januar 1919 die Parteizentrale und den "Vorwärts". Regierungstruppen und rechtsgerichtete Freikorpsverbände schlugen auf Befehl des sozialdemokratischen Volksbeauftragten Gustav Noske den Aufstand nieder.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde zunächst der "Vorwärts", am 6. März 1933 das gesamte Parteiquartier von SA-Einheiten mit Unterstützung der Polizei besetzt und mehrere Mitarbeiter verhaftet. Chefredakteur Friedrich Stampfer (1874-1957) gelang die Emigration. Sein Stellvertreter Franz Klühs (1877-1938) wurde unter anderem im Konzentrationslager Columbia Haus am Flughafen Tempelhof eingesperrt. Er starb an den Folgen der Haft. Auch der Parteifunktionär Franz Künstler (1888-1942) saß bis 1938 im Gestapo-Gefängnis an der Prinz-Albrecht-Straße, heute Niederkirchnerstraße. Nach Kriegsbeginn wurde er trotz Herzkrankheit 1939 dienstverpflichtet. Er brach drei Jahre später tot auf der Straße zusammen.

Nach Friedrich Stampfer, Franz Klühs und Franz Künstler sind heute Straßen rund um den Mehringplatz benannt. Sie sind die letzten Erinnerungen an das einstige SPD-Quartier an dieser Stelle. Der durch Bomben zerstörte oder stark beschädigte Komplex ging zwar in der Nachkriegszeit wieder an die Partei. Sie verkaufte ihn aber, als sich spätestens nach dem Mauerbau 1961 abzeichnete, dass ein schnelles Ende der Teilung Deutschlands und Berlins nicht zu erwarten ist. Sitz des Parteivorstandes war bereits seit 1951 die Bundeshauptstadt Bonn.

Auf dem einstigen SPD-Areal entstanden ab den 1960er-Jahren Hochhäuser. Auch der Verlauf der Lindenstraße wurde im Zuge der Neubauten teilweise verändert. Sie begann zuvor einige Meter weiter westlich und führte zum Mehringplatz. Nachzuvollziehen ist das auf den drei Gedenktafeln, die sich an der Ecke Franz-Klühs-Straße befinden. Sie zeigen auch die Ausmaße des früheren SPD-Terrains.

Dessen Nachfolger, das Willy-Brandt-Haus, hat zwar weitaus weniger Grundfläche. Es wurde aber ganz bewusst in der Nachbarschaft der historischen Heimat errichtet. Möglich war das deshalb, weil das Grundstück an der Wilhelm- und Stresemannstraße Anfang der 1990er-Jahre eine Brachfläche war. Sie sicherte sich die SPD nach der Wiedervereinigung und dem Hauptstadtbeschluss des Bundestags vom Juni 1991, in dem der Umzug von Parlament und Regierung von Bonn in die neue alte Kapitale Berlin festgelegt wurde.

Das Gebäude mit sieben Etagen wurde im Mai 1996 eröffnet. Markant ist sein großes und nach oben offenes Atrium. Dort befindet sich auch die überlebensgroße Willy-Brandt-Büste, die, je nach Geschmack als misslungen oder besonders aussagekräftig bewertet wird. Im Haus gibt es regelmäßig öffentliche Ausstellungen und Veranstaltungen. Es ist nicht nur deshalb die meiste Zeit für Besucher geöffnet. Außer am Montag, da tagen normalerweise die Parteigremien. Oder wenn, wie in den vergangenen Wochen, Sondierungs-, Koalitions- und andere Verhandlungen stattfinden.

Womit wir wieder bei den, nicht nur aktuellen, Dramen wären. Denn schon in den vergangenen Jahren mussten dort häufig empfindliche Wahlniederlagen erklärt oder schöngeredet werden. Und dass die Turbulenzen in der SPD nicht nur neueren Datums sind, zeigt sich schon daran, dass das Haus seit seiner Einweihung vor 22 Jahren sieben, demnächst acht verschiedene Parteivorsitzende erlebt hat. Einer, nämlich Franz Müntefering, amtierte sogar zwei Mal. Zum Vergleich: Namensgeber Willy Brandt führte die Sozialdemokratie allein 23 Jahre. Von 1964 bis 1987.

Martin Schulz, der bisherige Kurzzeit-Chef, hat in den vergangenen Wochen mehrfach in dem Gebäude übernachtet, wie vor kurzem der „Spiegel“ zu berichten wusste. Ein karges Zimmer, mit wenig mehr als Tisch und Bett ausgestattet, habe ihm dafür zur Verfügung gestanden. Vielleicht ging sein Blick an solchen Abenden als einsamer Bewohner manchmal in Richtung Mehringplatz. Auf das einstige sozialdemokratische Kernland.

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