Eine Kunstaktion von „The Glass Project“ führt Obdachlose und Künstler zusammen

Beim Projekt "Glas-Grenze" werden Scherben zum einmaligen Kunstobjekt. (Foto: KEN)
Berlin: Wohnhaus Berliner Wohnplattform |

Moabit. Am 1. Mai 1972 sammelte Joseph Beuys in Neukölln Abfälle von Demonstranten auf, füllte damit Müllsäcke und brachte sie in eine Galerie, um dort mit dem Publikum und Demonstranten über „Freiheit, Demokratie und Sozialismus“ zu diskutieren. Am 5. Mai dieses Jahres sammeln internationale bildende Künstlerinnen und Moabiter Obdachlose Altglas, um daraus gemeinsam Kunstobjekte zu schaffen.

„Glas-Grenze“ nennt der noch junge Verein „The Glass Project“ seine künstlerische Unternehmung. Sozialkritisch und politisch wie einst Joseph Beuys wollen die Kuratorin und Vereinsvorsitzende, die Glas-Produktdesignerin und Werbegrafikerin Aleksandra Roth-Belkova, und die Video- und Installationskünstlerin Lina Theodorou mit der Aktion die „gläserne Grenze“ aufzeigen, hinter der Obdachlose, „die gar nicht zu existieren scheinen, an denen man vorbeisieht, mit denen keiner spricht, neben uns herleben“.

Außerdem sollen geltende Wertvorstellungen hinterfragt werden: Was ist wertvoll? Was ist nutzlos? So geht der Blick nach unten, zum „allerletzten“ Altglas am Boden, „das keiner mehr braucht“, so Roth-Belkova. „Wir wollen etwas Billiges und Demütiges in etwas Phantasievolles, in ein Unikat verwandeln.“

Nach der Sammelaktion am Aktionstag „Mach Berlin zu Deinem Ort“, die Nachbarschaft kann auch Altglas spenden, werden die teilnehmenden Obdachlosen und die sechs Künstlerinnen Lena Feldmann, Manuela Leinhoß, Maria Koshenkova, Eleni Papaioannou, Olivia Pils und Lina Theodorou mit traditionellen Techniken der Glasverarbeitung wie dem Einschmelzen, Schneiden oder der Glasmalerei, aber auch mit ganz unorthodoxen Methoden Kunstobjekte schaffen.

Mit der Vernissage am 30. Juni im Rahmen von „Ortstermin 2017“ verwandelt sich das Obdachlosenwohnheim in der Lübecker Straße 6 zeitweilig in eine Galerie. Das diesjährige Motto des Moabiter Kunstfestivals lautet „Protest, aktuelle Formen demokratischer Teilhabe“. „Wir finden, dass unser Projekt einen wichtigen Beitrag zu diesem Thema leistet“, meint Roth-Belkova. Die Betreiberin des Obdachlosenwohnhauses, die Berliner Wohnplattform, ist denn auch begeistert von dem Vorhaben. Es stößt bei den Bewohnern auf großes Interesse. Eine heile Welt will „The Glass Project“ aber nicht vermitteln.

Abfälle gehören längst zur künstlerischen Ausdrucksweise. Vater der Müllkunst ist der Dadaist Kurt Schwitters (1887-1948). Ihn begeisterte alles, was er auf der Straße fand, auch Unappetitliches. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpften die Nouveaux Réalistes in Europa und die Junk Art in Amerika an die Tradition der Künstlerväter des beginnenden 20. Jahrhunderts an. Heute ist der Müllkunst ihr provokanter Stachel weitgehend gezogen.

Aber Müllkunst ist auch nicht das Hauptanliegen des Vereins „The Glass Project“. Ihm geht es vielmehr um die Förderung zeitgenössischer Glaskunst, die hierzulande laut Aleksandra Roth-Belkova „ein verstaubtes Schattendasein führt“. So plant der Verein unkonventionelle Ausstellungen, Klanginstallationen und „Interventionen im öffentlichen Raum“. KEN

Weitere Informationen auf www.theglassproject.de.
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