Im Reich der Puppen: An der Richardstraße pflegt Brigitta Polinna ein altes Handwerk

Brigitta Polinna sammelt und repariert Puppen wie die Schildkröt Puppe Inge und ihre Freundinnen.
  Berlin: Puppenklinik |

Neukölln. Wer ins Souterrain hinuntersteigt, betritt eine andere Welt: In der Puppenklinik an der Richardstraße 99 scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein.

Das liegt nicht nur an den historischen Puppen, von denen es hier wimmelt. Auch im Laden selbst hat sich seit der Eröffnung vor 35 Jahren nicht viel geändert. Eine Heizung gibt es nicht, ein Radiator sorgt für Wärme. Dafür ist die Miete niedrig. Um einen kleinen Tisch scharen sich regelmäßig Kiezbewohner zum Plausch. Und es darf sogar – wie in den guten, alten 80ern – geraucht werden.

Herrin der Puppenklinik ist Brigitta Polinna. Gemeinsam mit einer Freundin hat sie die kleine Werkstatt 1981 eröffnet. Zu verdanken war das einem spontanen Entschluss. Sie hatte erfahren, dass die Puppenklinik in Kreuzberg, bei der sie Kundin war, schließen musste. Die Frauen übernahmen kurzerhand Inventar und Know-how.

„Die Ehefrau des verstorbenen Puppendoktors verriet uns einige Tricks, brachte uns ein wenig Materialkunde bei. Ich weiß auch nicht warum, aber ich konnte es von Anfang an“, erzählt Polinna. Ganz unbeleckt war sie allerdings nicht, schließlich hatte sie in ihrer Jugend Schneiderin und Kostümbildnerin gelernt. Auch ein Faible für alte Sachen, vor allem für Möbel und Porzellan, brachte sie mit. Puppen habe sie immer schön gefunden, allerdings sei sie keine Sammlerin gewesen und habe auch keine Ahnung davon besessen, dass es Hunderte von Sorten gebe.

Heute ist sie natürlich bestens im Bilde. Brigitta Polinna kümmert sich fachkundig um ihre Sorgenkinder, reinigt sie, tauscht Köpfe, Augen, Arme und Beine aus, ersetzt ausgeleierte Gummis im Puppeninneren, besorgt neue Perücken. Angesichts moderner Plastik-Exemplare, die trinken und Pipi machen können, streckt sie allerdings die Waffen: „An das Schlauchsystem im Körper komme ich nicht ran.“

Auf Wunsch näht sie auch passende Kleidung für die Lieblinge. „Das ist aber recht teuer“, sagt sie. Denn sie legt Wert auf gute Stoffe. Aus Baumwolle sollten sie sein, große Muster sind tabu und Gehäkeltes findet sie „einfach schrecklich“.

Einige Patienten, die ihr gebracht werden, sind alte „Gliedergelenk-Puppen“ mit Porzellanköpfen, Körpern aus Pappmaché, beweglichen Knien und Ellbogen. Viele andere stammen aus dem Hause Schildkröt. Die Zelluloid-Mädels Bärbel, Ursel, Inge, Erika, Christel und der Puppenjunge Hans haben Generationen von Kindern begleitet und waren in den 1930er- und 40er-Jahren sehr beliebt.

Apropos: Die Nationalsozialisten drückten auch der Schildkröt-Puppenproduktion ihren Stempel auf. Die Favoriten der Faschisten war Bärbel mit der biederen Schneckenfrisur. Die Fertigung von „Negerpuppen“ wurde eingestellt. Dafür kamen sonnengebräunte Exemplare auf den Markt. „Prora lässt grüßen“, so Brigitta Polinnas trockener Kommentar mit Blick auf die gigantische Kraft-durch-Freude-Ferienanlage, die die Nazis auf Rügen bauen ließen.

Viele dieser Geschichten kann Brigitta Polinna erzählen, ein Schwätzchen mit ihr ist immer lohnenswert. Und als echte Rixdorfer Pflanze interessiert sie sich natürlich auch für Lokalgeschichte. So wundert es nicht, dass sie auch Mitarbeiterin des Museums im Böhmischen Dorf in der Kirchgasse ist. sus

Die Puppenklinik hat jeden Dienstag von 15 bis 18 Uhr geöffnet,  681 60 83.
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