Hanne Nüten war ein Mann: Autor Fritz Reuter stand Pate für viele Straßennamen

Onkel Bräsig spielt im Roman "Ut mine Stromtid" eine tragende Rolle. Er ist eine der bekanntesten Figuren, die der Schriftsteller Fritz Reuter geschaffen hat. (Foto: Schilp)
 
Hanne Nüte ist der Spitzname von Johannes Snut, von dem ein Versepos handelt. Foto: Schilp (Foto: Schilp)

„Hanne Nüten“ ist wohl eine der seltsamsten Adressen in Berlin. Onkel-Bräsig-Straße und Dörchläuchtingstraße lassen ebenfalls stutzen, während der ortsfremde Passant bei Paster-Behrens-Straße erst einmal an einen Rechtschreibfehler glaubt. Doch es geht mit rechten Dingen zu: Die Bezeichnungen haben allesamt mit dem Schriftsteller Fritz Reuter (1810-1874) zu tun.

Mehr als 20 Namen in der Britzer Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung erinnern an den mecklenburgischen Autoren, der in plattdeutscher Sprache schrieb. Stavenhagen, Gielow, Teterow, Malchin und Parchim sind Orte aus Reuters Heimat. Sie alle finden sich auf Straßenschildern. Genau wie Dömitz, wo der demokratisch Gesinnte wegen Staatsgefährdung sieben Jahre lang in der gleichnamigen Festung darbte.

Der Lowise-Reuter-Ring erinnert an seine geliebte Frau Louise, „Hüsung“ bezieht sich auf den Versepos „Kein Hüsung“, was so viel wie kein Zuhause, keine Heimat bedeutet. Für andere Straßen standen Figuren aus seinem Werk Pate. Einige Beispiele mögen reichen: „Hanne Nüte“ ist der Spitzname des Schmiedegesellen Johannes Snut, Dörchläuchting (eine Verniedlichung von Durchlaucht) der Titel eines seiner letzten Bücher. Darin spielen die Zofe und die Haushälterin Korlin und Dürten (Karoline und Dorothea) eine Rolle. Auch Jochen Nüßler, Lining und Mining (Lena und Minna) sind Romanfiguren – nach allen sind Straßen benannt.

Eine Besonderheit sei erwähnt. Bis Oktober 1933 gab es in der Hufeisensiedlung eine Moses-Löwenthal-Straße. Namensgeber war ein edler Jude aus Reuters Werk „Ut mine Stromtid“ (hochdeutsch: Aus meiner Volontariatszeit). Die Nazis bestanden auf Umbenennung. Neuer Pate war Paster Behrens, ein weitherziger Vertreter der christlichen Kirche, ebenfalls aus genanntem Buch.

Fritz Reuter war zu seiner Zeit und darüber hinaus enorm populär. Auch weil er immer wieder soziale Problematiken ins Spiel brachte. Das Plattdeutsche machte es ihm einfacher, die Zensur auszutricksen und gegen Adel und Obrigkeiten zu sticheln. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, sogar ins Japanische. Eine Übertragung ins Hochdeutsche verbot Reuter allerdings, daran hielten sich die Verlage bis 1976.

Warum aber gibt es ausgerechnet in Britz ein Fritz-Reuter-Viertel? Die Straßennamen wurden während der Weimarer Republik, 1926 bis 1931, vergeben. Damals war der Schriftsteller noch als sozial und demokratisch engagierter Mensch gut bekannt. Sein Denken passte perfekt zum Konzept der Siedlungen, in denen einfache Leute gut leben sollten.

Der Autor Christian Brunners, der 2010 in der Fritz-Karsen-Schule einen Vortrag über die Geschichte der Straßennamen hielt, hat eine weitere Vermutung. Zur Zeit der Namensverleihungen saß nämlich ein Mann namens Wilhelm Henschel in der Berliner Stadtverwaltung an verantwortlicher Stelle.

Henschel stammte aus Vorpommern und hatte ebenfalls auf Plattdeutsch veröffentlicht. In einem seiner Gedichte schrieb er: „Fritz Reuter, Din Wark in uns’ Muddersprak / Ward dusend von Johren noch stahn ...“.

Wer mehr wissen möchte: Der Vortrag von Christian Brunner ist zu finden unter http://asurl.de/13mc
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