"Die Hauptsache ist: Wir sind zusammen in Berlin"

Julia Pankratyeva (rechts) leitet den Verein "ImPuls" und sucht mit Menschen wie Sina Zadorozhna Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen. (Foto: Thomas Schubert)
 
Umstrittener Bestseller: In seinem Buch "Neukölln ist überall" beschreibt Heinz Buschkowsky die sozialen Probleme. (Foto: Thomas Schubert)

Berlin. Was Heinz Buschkowsky mit seinem Buch "Neukölln ist überall" für die Integration bewirkt, bewerten zwei Lager höchst unterschiedlich. Doch gerade in Neukölln gibt es beispielhafte Ansätze zum Miteinander der Kulturen.

An dem Abend, als man Heinz Buschkowsky niederbrüllte, stand die Polizei parat. Sie wartete hinter Regalen voller Psychologiebücher und solchen über Religion. Sie sicherte die Stadtbibliothek Neukölln zu einer Lesung. Da saß Heinz Buschkowsky, Bürgermeister des Bezirks für die SPD, in seiner Eigenschaft als Autor eines Buches, das bald nach der Veröffentlichung Gegenstand von Talkshow-Debatten wurde und die Bestsellerlisten erklomm.

"Neukölln ist überall"

"Neukölln ist überall", diese Streitschrift über Integration, kennt man auch längst in Niedersachsen, Thüringen oder Bayern. Heinz Buschkowsky wollte nun also Leseproben geben, einen Dreiminuten-Gang vom Neuköllner Rathaus entfernt, bei einem Heimspiel vor 200 interessierten Gästen, meist ältere Damen und Herren, die schon lange hier leben. Nicht wenige davon willens, sich ihr Exemplar persönlich signieren zu lassen. Doch sie hörten keinen einzigen Satz. Denn jedes Mal, wenn der Vorleser das Mikrofon zurechtrückte und seine Lippen bewegte, erklangen statt seiner Stimme nur das Getöse, das Pfeiforchester, der Sprechchor einer anderen, jüngeren Gruppe von Gästen. "Du sprichst nicht in unserem Namen", skandierten die Störer, um dann zu schmettern: "Integriert den Bürgermeister!"

Klatschen und Gebrüll

Klatschsalven, Gebrüll, Schilder mit Parolen: 50 Verhinderer, die sich nicht beim Namen nennen lassen mochten, verboten dem Bürgermeister den Mund. "Man muss ihn doch wenigstens zu Wort kommen lassen", protestierte ein Mann. "Macht ihm das Mikro lauter, damit man ihn hört", empörte sich eine Frau. Und so standen Neuköllner in Wildlederwesten gegen solche mit Jutebeuteln, die alten gegen die zugezogenen. Dazu die jeweiligen Unterstützer dieser Lager aus dem restlichen Berlin. Hinter ihnen Polizisten, vor ihnen Heinz Buschkowsky, zunächst noch gelassen, dann zunehmend ungehalten. Auf dem Pult ein Buch, das beschreibt wie "das Hier-bin-ich-zu-Hause-Gefühl schwindet".

Der Autor gebraucht diese Formulierung im Zusammenhang mit einer Beschreibung des sozialen Gefüges an der Hermannstraße. Einem Ort, der aus seiner Sicht dadurch bestimmt wird, dass neben der muslimisch eingestellten Gastronomie kein Raum bleibt für die Bedienung anderer Essgewohnheiten. "Sie müssen schon über eine solide Pfadfinderausbildung verfügen, um auf der mehrere Kilometer langen Geschäftsstraße einen Imbiss mit Schweinefleischprodukten zu finden", schreibt Buschkowsky.

Sind solche Beobachtungen nun Belege für gescheiterte Integration? Oder nur eine Konsequenz von Angebot und Nachfrage? Sind Beschreibungen von Neuköllner Alltäglichkeiten hilfreich für Integration? Rütteln sie wach? Befeuern sie Vorurteile? All das blieb an dem Abend, der zu Diskussionen geeignet gewesen wäre, unbesprochen. Als Buschkowsky nach einer halben Stunde Lärm noch immer keinen Satz verlesen hatte, stand er auf und ging.

Album voller Fotos

Zwei Wochen später sitzt Julia Pankratyeva, die Vorsitzende des Integrationsvereins "ImPuls", in ihrem Büro und blättert in einem Album voller Fotos. Pankratyeva, eine lebensfrohe Frau von 55 Jahren, verließ 1997 ihre ukrainische Heimat, um in Deutschland einen Neubeginn zu wagen. Der hiesigen Sprache noch gar nicht richtig mächtig, hob sie 1998 mit Hilfe des Kulturamts Neukölln einen Verein aus der Taufe, der das Wort Integration im Namen trägt. Und der sein Ziel erreicht, obwohl dort von diesem Ziel kaum gesprochen wird. Hier im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt kommen sich Araber, Polen, Russen und Koreaner so nahe wie an kaum einem anderen Ort. Bei Tanz und Gesang, in der Küche oder zum multinationalen Kaffeetag.

Pankratyeva belegt es mit Bildern. Knapp 128 500 Migranten leben im Bezirk. Alle sind bei den kostenlosen Computerkursen, den Folklorefesten und Liederabenden von "ImPuls" willkommen. 220 Teilnehmer zählt man pro Woche. Auch Deutsche. Herkunftsländer sind für Pankratyeva und ihr Team zunächst kein Thema. "Wir fragen niemanden danach." Man brauche Türken, Polen und Spanier nur versuchsweise dazu zu bringen, gemeinsam zu stricken, um etwas Interessantes zu bemerken: "Sie wollen auch reden." Weil aber keiner die Sprache des Anderen beherrscht, lernen sie Deutsch.

Offene Arme und Herzen

Und was ist mit den Verschlossenen, den Unwilligen? Denen, die ihre Kinder keine Feste feiern lassen, die im Fotoalbum verewigt sind? "Natürlich gibt es solche Fälle", entgegnet Julia Pankratyeva. "Natürlich sind nicht alle offen. Aber wenn sie unsere offenen Arme und Herzen spüren, gelingt der Anschluss mit der Zeit."

Während Buschkowsky Integrationsverweigerern mit mehr Strenge begegnen möchte, glaubt Pankratyeva an einen sanfteren, längeren Weg. Abgeschiedene Kulturen habe es schon gegeben, bevor Neukölln den heutigen Namen trug. "Die Böhmen, die nach Rixdorf kamen, haben 100 Jahre lang gar kein Deutsch gesprochen. So gab es ein böhmisches Dorf und ein deutsches Dorf."

Wenn man im Lexikon nachliest, was Integration bedeutet, steht dort: "Die Verbindung einer Vielheit von Personen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit." Fragt man Julia Pankratyeva, wie Integration funktioniert, sagt sie, dass dazu auch Deutsche ihren Beitrag leisten müssen. "Wenn alle in ihren eigenen Küchen kochen, bringt das nichts." Ob man nun Deutscher ist, Russe oder Türke, wird sich beim Verein "ImPuls" beiläufig zeigen. "Wir fragen nicht danach", wiederholt die ehemalige Reiseleiterin. "Die Hauptsache ist doch: Wir sind zusammen in Berlin."


Es gibt noch viel zu tun

Die meisten Leser sehen Defizite bei der Integration



Auf die Frage, ob Zuwanderer in Berlin genügend integriert sind, haben nur 25 Prozent der Leser unserer Reportage der vergangenen Woche mit Ja geantwortet. Ein klares Meinungsbild, das der integrationspolitische Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus, Burkard Dregger, mit gemischten Gefühlen kommentiert. "Eine große Mehrheit der Zuwanderer in Berlin ist rechtstreu, fleißig und gut integriert. Und über diejenigen wird viel zu wenig gesprochen", sagt er. "Aber der Anteil derer, bei denen das nicht zutrifft, ist noch zu groß. Bei ihnen künftig mehr zu erreichen, wird wichtig sein." Berlin stehe nicht besser oder schlechter da als andere Bundesländer, meint Dregger. In ganz Deutschland sei auf diesem politischen Feld noch viel zu leisten. Ein insgesamt erfreuliches Bild zur Situation in der Hauptstadt zeichnet Monika Lüke, die Integrationsbeauftragte des Senats. Vor allem beim Thema Bildung stünden Zuwanderer in Berlin oft besser da, als die in anderen Teilen des Landes. Auf dem Arbeitsmarkt habe die Spreemetropole aber Nachholbedarf. "Wir müssen weiterhin mehr Migranten in Arbeit bringen", sagt sie und ruft Jobcenter und Betriebe dazu auf, sich auf interkulturelle Probleme noch besser einzustellen. "Denn in den jungen Migranten liegt ein wichtiges Zukunftspotenzial für die Stadt."

Migranten in Berlin

Wo Berlin steht, zeigt der neue Bericht zum Integrationsmonitoring der Länder für das Jahr 2011. Gelten im Bundesgebiet durchschnittlich 19,5 Prozent der Einwohner als zugewandert, sind es in Berlin 24,8 Prozent. Geteiltes Bild bei der Bildung: Einerseits beenden 26 Prozent der Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln die Schule mit einer Hochschulreife - im deutschen Schnitt sind es nur 14,8 Prozent. Anderseits brechen 12,3 Prozent die Schule vorzeitig ab - deutschlandweit liegt der Wert bei fünf Prozent. Unter dem Aspekt der Kriminalität ist das Verhältnis in Berlin geringfügig schlechter als andernorts: Waren 22,5 Prozent der gerichtlich Verurteilten Zugewanderte, kommt diese Gruppe in Berlin auf 26,6 Prozent. Bei der Arbeitslosenquote unter Migranten ist Berlin Schlusslicht. 33 Prozent der Zuwanderer haben kein eigenes Einkommen. In Baden-Württemberg sind es zehn Prozent.

Thomas Schubert / tsc
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