Esprit statt Establishment: In Wilmersdorf weht ein frischer Wind

Verboten, aber faszinierend: Der Thai-Park zieht an warmen Wochenenden Tausende Besucher an, die exotische Speisen kosten und Fernost-Flair schätzen. (Foto: Thomas Schubert)
 
Cooles Relikt des Kalten Kriegs: Die Field Station auf dem Teufelsberg fasziniert vor allem junge Touristen. Und ein Pächter gewährt Zutritt gegen Geld. (Foto: Thomas Schubert)

Wilmersdorf. Betagt, uninspiriert, schläfrig – rund 25 Jahre nach der Fusion der Altbezirke haftet an Wilmersdorf das Image der biederen Stiefschwester Charlottenburgs. Dass inzwischen ein neuer Geist im Kommen ist, beweisen fünf originelle Orte.

Teufelsberg: Es war einmal ein Horchposten für kalte Krieger – es wurde ein Wallfahrtsort für Liebhaber von Street-Art und Auskundschafter verlassener Orte. Der Teufelsberg ist ein Magnet für junge und jung gebliebene Berlin-Touristen. Reiseführer preisen den verruchten Charme der Field Station mit ausgefransten Spionagekuppeln und der kunstvoll besprühten Hinterlassenschaften des Militärs. Heute ist die 120 Meter hoch gelegene Abhörstation mit ihren 300 Street-Art-Bildern das, was bis vor wenigen Jahren das Kunsthaus Tacheles im Bezirk Mitte war: ein Symbolbau, der Berlin als Versuchsfeld für experimentierfreudige Freigeister verkörpert.

Streetfood-Markt vor dem alten Rathaus Wilmersdorf: Um exotische Fressalien aus möglichst schmissigen Wagen gereicht zu bekommen, dafür muss niemand mehr nach Friedrichshain. Jeden Mittwoch knubbelt sich zur Mittagszeit ein Sammelsurium von mehr als 25 Imbissbuden vor den Toren des alten Rathauses Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz, auf dass Mitarbeiter des Senats und der Deutschen Rentenversicherung schnell und preiswert ins Schlemmen kommen. So gutbürgerlich die Klientel, so gewagt das Angebot: Chili, gegrillter Fisch, Asia-Gerichte aus dem Wok, russische Spezialitäten, Pasta in raffinierten Variationen. Anzugträger beißen ganz ungezwungen in ihre Pulled-Pork-Burger – und wirken dabei ungewollt cool.

Ludwigkirchplatz: Vor der Kirchtür lässiges Verweilen vor bunt bepflanzten Beeten – im Rücken der Kirche quicklebendiges Treiben am womöglich kinderreichsten Ort des Bezirks. Das Miteinander so vieler Familien straft alle Lügen, die Wilmersdorf für eine Rentnerexklave halten. Am Ludwigkirchplatz bleibt der Kinderreichtum frei vom Fruchtbarkeitspathos à la Prenzlauer Berg. Und die Ausstattung mit Bars und Cafés braucht sich hinter der im Kollwitz-Kiez nicht zu verstecken – man kann an jedem Wochentag in einem anderen Lokal am Platz sein Heißgetränk genießen, pflegt die Geselligkeit in Traditionshäusern wie im 30 Jahre alte „Menta“, im „Kuchel-Eck“ oder in „Ludwigs Küche“.

Rüdesheimer Platz: Unter Lindenblättern klingen die Gläser, an Bierbänken herrscht angeregtes Gemurmel, man labt sich an Mitbringseln aus dem Picknickkorb, nippt von Frühling bis in den Herbst am Rebensaft hessischer Winzer – das ist der Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz. Was vor 50 Jahren als eine Solidaritätsbekundung für West-Berlin gestartet sein mochte, gilt nun allmählich als Kult, an dem seit Kurzem auch Nicht-Wilmersdorfer und Nicht-Berliner teilhaben wollen. Hier hat das Weinglas beim Ausschank randvoll zu sein, weil dies angeblich Glück bringt. Hier plauscht der Professor mit der Polizistin. Hier obsiegt die gesittete Geselligkeit noch immer über einen Nachbarn, der das Fest verbieten oder verkürzen will. Und die Rüdesheimer Straße hinter der Weinbude, sie erhielt immerhin schon rühmende Worte in der New York Times, gilt als als Perle der europäischen Wohnkultur.

Thai-Park: Von Rechts wegen gehört das Massenpicknick im Preußenpark verboten. Aber wie so manches Verbotene in Berlin, hat auch dieses Spektakel seine Fans. Sie scheren sich nicht um Hygieneregeln und Steuerhinterziehung, blenden alles Problematische aus. Sie feiern den Umstand, dass Klein-Bangkok an der Brandenburgischen Straße liegt. Dass es Glasnudeln und Mango Lassis auf einem Markt zu kaufen gibt, für den man ansonsten zehn Flugstunden verkraften müsste. Für 5 Euro reichen Asia-Köche ihre Spezialitäten auf Papptellern herüber, verpassen auf Wunsch auch Massagen. Und stellen den Verkauf in dem Moment ein, wenn eine Streife des Ordnungsamts über die Wiese kommt. Nirgends ist Wilmersdorf so wenig preußisch wie im Preußenpark. Es verkraftet Widersprüche mit der Großherzigkeit einer Metropole – und entfernt sich vom Dorf vor den Toren Berlins, das es einmal war. tsc
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