Was Jürgen Jung vor und nach dem Mauerfall erlebte

Ein positiver Ort: Jürgen Jung, der seit acht Jahren am Reuterplatz lebt, mag die Aussicht auf das Grüne. (Foto: Sylvia Baumeister)

Neukölln. Als Fluchthelfer wurde der in West-Berlin lebende Jürgen Jung zu Mauerzeiten dreieinhalb Jahre lang in Rummelsburg inhaftiert. Der Mauerfall vor 25 Jahren brachte ihn später noch einmal an diesen Ort zurück.

Es war ein warmer Juliabend 1984, als der 23-jährige Jürgen Jung einem Impuls folgte. Durch einen Freund, der wie er in West-Berlin lebte, lernte er einen Mediziner kennen, der nach einem Kongress in der Stadt nicht mehr in die DDR zurückkehren wollte. Der Mann hatte ein Problem: Seine Frau und die dreijährige Tochter lebten noch in Ost-Berlin. Jürgen Jung und sein Freund liehen sich ein Auto. Entlang der Transitstrecke trafen sie Mutter und Kind in Nauen und versteckten sie kurz vor dem Grenzübergang in Zarrentin im Kofferraum. Dort wurden sie prompt von den DDR-Grenzern geschnappt. Was dann folgte, war ein Jahre andauernder Alptraum. Auf monatelange Verhöre folgte eine Verurteilung zu sechseinhalb Jahren Haft. In Block 6 der Haftanstalt Rummelsburg teilte sich Jürgen Jung eine Zelle mit acht Häftlingen, Misshandlungen durch das Personal gehörten zum Gefängnisalltag.

Einer Generalamnestie in der DDR hatte Jürgen Jung es zu verdanken, dass er nach dreieinhalb Jahren Haft frei kam. Zurück in West-Berlin fing er sich aber nur schwer wieder. Dann kam der Mauerfall am 9. November 1989. "Von diesem Tag an nahm mein Leben eine positive Wendung", erzählt der heute 53-Jährige. Die Eindrücke aus dem Gefängnisleben ließen ihn erst jetzt allmählich los, er begann als "DJ Humanoid" ein neues Leben zu führen. Sein Job als DJ auf einer Goa-Party brachte ihn schließlich zu dem Ort zurück, an dem er die schlimmste Zeit seines Lebens verbracht hatte, ins Gefängnis Rummelsburg. "Ich dachte mir anfangs nichts dabei. Aber als ich dort stand und Platten auflegte, kamen alle Ängste zurück. Ich brach weinend am Pult zusammen und konnte nicht weiterarbeiten", erzählt Jürgen Jung.

Mit seinen Freunden machte er danach einen Rundgang durch das Gefängnis, durch Block 6 und seine ehemalige Zelle. "Es war beklemmend für mich. Für meine Freunde war es dennoch eine sehr interessante Geschichtsstunde." Dass sie seine Gefühle mit ihm teilten, half Jürgen Jung dabei, das Erlebte besser zu verarbeiten. Wie viele von ihnen, lebt er heute am Reuterplatz, mit Blick auf die Grünanlage von seinem Balkon. "Das ist ein sehr positiver Ort für mich", sagt er. Gern würde der DJ einen Club eröffnen, das wäre sein Traum. Es könnte auch in den östlichen Bezirken sein, nur nicht im ehemaligen Gefängnis Rummelsburg. Dort, so hat er irgendwann gesehen, wohnen heute Menschen in Eigentumswohnungen. Das ist für den ehemaligen Häftling unfassbar: "Ich finde es makaber, an einem Ort zu wohnen, in dem so viel negative Energie ist."


Sylvia Baumeister / SB
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