"Wir decken die Gesamtheit des Lebens ab"

Ingrid Alberding und Markus Schönbauer laden Freunde und Nachbarn zum Jubiläumsfest am 7. Juli ein. (Foto: Ulrike Martin)
Berlin: Villa Mittelhof |

Zehlendorf. Der Mittelhof hat für fast jeden Lebensbereich ein passendes Angebot und ist eine feste Größe im Bezirk. Gegründet 1947, feiert der Verein am Freitag, 7. Juli, ab 14 Uhr den 70. Geburtstag mit einem großen Fest. Berliner-Woche-Reporterin Ulrike Martin sprach aus diesem Anlass mit Ingrid Alberding, Geschäftsführerin des Mittelhofs, und Markus Schönbauer, Leiter des Bereichs Schulkooperationen.

Wie sahen die Anfänge im Mittelhof aus, welche Angebote gab es?

Ingrid Alberding: 1947 ging es natürlich um die dringendsten Bedürfnisse. Es gab eine Armenspeisung, eine Näh- und Schuhreparatur-Werkstatt, Erholungsangebote für Mütter. Bereits damals war also die Hilfe zur Selbsthilfe ein Thema. Und die amerikanischen Quäker, die bis Mitte der 1950er Jahre noch an der Leitung des Hauses beteiligt waren, legten Wert darauf, eine demokratische Grundhaltung zu vermitteln, Gedanken- und Meinungsaustausch der Mitarbeiter waren wichtig.

Welche neuen Angebote kamen in den vergangenen Jahren hinzu?

Ingrid Alberding: Ein neuer Schwerpunkt war natürlich die Arbeit mit Geflüchteten. Es gibt Deutschkurse, Patenschaften, Begleitung zu Ämtern, Bewerbungstraining. Wir wurden vom Senat beauftragt, die Willkommenskultur zu fördern. Dazu gehören auch Infoveranstaltungen für die Anwohner in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften. Ebenso sind unsere interkulturellen Angebote gewachsen. Unsere Selbsthilfe-Kontaktstelle hat beispielsweise Verbindungen zur griechischen Gemeinde und zur polnischen Community aufgebaut. Das Prinzip der Selbsthilfe soll transportiert werden, es ist in anderen Ländern noch nicht so präsent wie bei uns.

Markus Schönbauer: Es gibt rund 90 Selbsthilfegruppen im Mittelhof. Anfangs werden sie noch von unseren Mitarbeitern angeleitet, später organisieren sie sich selbst, können sich auch gegenseitig beraten und austauschen. Das Prinzip dabei: Ein Betroffener, zum Beispiel ein pflegender Angehöriger, hat wesentlich mehr Erfahrung und Kompetenzen als jemand von außerhalb.

Ehrenamtliche Helfer sind ein wichtiger Faktor bei den Angeboten des Mittelhofs. Gibt es genügend?

Ingrid Alberding: Es gibt viele engagierte Bürger, die ehrenamtlich bei uns mitarbeiten, aber wir sind auch immer auf der Suche. Und wir haben zahlreiche Einsatzgebiete. Außerdem sind jederzeit neue Ideen willkommen.

Wie finanziert sich der Mittelhof?

Ingrid Alberding: Über Zuwendungen des Senats, über unsere Betreuung in den Kitas, durch Eigenmittel, die wir durch Kurse und Raumvermietung erwirtschaften und über Spenden und Stiftungsgelder.

Welche größeren Projekte sind für die Zukunft geplant?

Ingrid Alberding: Es gibt zwei Bauprojekte, die noch in diesem Jahr starten sollen. Dabei geht es um die asbestbelastete Kita im Brittendorfer Weg und die Kita im Nachbarschaftshaus Lilienthal. Dort sollen auch neue Räume entstehen, zum Beispiel für Kochkurse.

Markus Schönbauer: Im Bezirk gibt es einen Bedarf von rund 45000 Kitaplätzen, es fehlen noch viele. In den Kitas Brittendorfer Weg und im Nachbarschaftshaus Lilienthal wird es nach Sanierung und Neubau statt 75 künftig 130 Plätze geben.

Ingrid Alberding: Ein anderes Projekt, das wir ausweiten wollen, ist „fee im Kiez“. Diese Kiezfeen engagieren sich für Ältere und Bedürftige, die sich nachbarschaftliche Unterstützung wünschen. Auf der einen Seite gibt Menschen im höheren Alter, die noch fit sind und gerne ihre Rente aufbessern möchten, andere sind nicht mehr so mobil, wollen aber so lange wie möglich zu Hause wohnen. Diese beiden Gruppen wollen wir zusammenbringen, eine Brücke bauen.

Was gehört zu den größten Herausforderungen? Worauf sind Sie stolz?

Ingrid Alberding: Immer wieder eine Herausforderung ist es, unsere Gebäude zu erhalten. Die damit verbundenen Kosten sind hoch, und es gilt behördliche Hürden zu überwinden, etwa beim Denkmalschutz. Auch das Personalmanagement ist eine große Aufgabe. Besonders stolz bin ich darauf, dass die Kollegen nicht Dienst nach Vorschrift machen, sondern sich untereinander vernetzen, so entstehen neue, kreative Ideen.

Beschreiben Sie das Angebot des Mittelhofs in zwei, drei Sätzen.

Markus Schönbauer: Unser Angebot reicht von der Wiege bis zur Bahre und sogar darüber hinaus, etwa bei Selbsthilfegruppen für Trauernde. Wir decken also die Gesamtheit eines Lebens ab. Und ganz am Anfang steht die Schwangerschaftsberatung.

Ein paar Höhepunkte des Jubiläumsfestes?

Ingrid Alberding: Es gibt Geocoaching, also eine Art digitale Schnitzeljagd, einen Zirkus für Kinder, Musik, Theater und eine Premiere, denn die drei Mittelhof-Chöre singen erstmals gemeinsam. Eingeladen sind alle, die Interesse haben, wir freuen uns auf zahlreiche Besucher.
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