Multitalent Friedrich Erxleben bot Juden in der Invalidensiedlung Unterschlupf
Mit Kirchengesang gegen brutale Folter

Friedrich Erxleben.
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Nach der Lektüre des Artikels über den vor 75 Jahren ermordeten Widerstandskämpfer Oberst Wilhelm Staehle erinnert der Frohnau-Experte Klaus Pegler daran, dass ein weiterer Bewohner der Invalidensiedlung eine wichtige Rolle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus spielte: Friedrich Erxleben.

Oberst Wilhelm Staehle war Kommandant der Invalidensiedlung. Während der Hitler-Diktatur hatte er Kontakt zum holländischen Widerstand und machte Pläne für die Zeit nach einem Attentat auf Adolf Hitler. 1944 inhaftiert und später zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, wurde er in der Nacht zum 23. April 1945 von SS-Leuten hinterrücks erschossen.

Staehle war ein guter Bekannter des katholischen Pfarrers Prof. Dr. Friedrich Erxleben. Beide waren 1939 nach der Fertigstellung der Invalidensiedlung nach Frohnau gekommen. Sie wurden offenbar schnell Freunde und trafen sich regelmäßig zu politischen Gesprächen im Kommandantenhaus.

Ein vielfältig begabter Mann

Erxleben hatte da schon eine bewegte und schillernde Karriere hinter sich. Am 29. Januar 1883 in Koblenz als Sohn des Inhabers einer Speditions- und Schifffahrtsfirma geboren, wandte er sich als Jugendlicher der Musik zu. Er ließ sich zum Sänger und Violinvirtuosen ausbilden. Allerdings trat er nach dem Abitur in das Priesterseminar der Stadt Trier ein. Quasi nebenbei studierte er Theologie und Philosophie in Wien, Heidelberg, Innsbruck und Rom. Beide Fächer schloss er 1907 mit der Promotion ab, ein Jahr später wurde er zum Priester geweiht.

Bei aller intellektueller Weltläufigkeit hatte er wohl auch eine Sehnsucht nach Bodenständigkeit, die ihm aber nicht erfüllt wurde. „Um eine Pfarrstelle bemühte er sich vergeblich“, recherchierte der Frohnau-Experte Klaus Pegler.

Erxleben hat keine Lust auf Ruhestand

Erxleben diente als Militärseelsorger im Ersten Weltkrieg. Wegen der Reduzierung der Reichswehr nach dem Versailler Vertrag wurde er 1920 in den Ruhestand versetzt, der für ihn aber keineswegs ruhig blieb. Er übernahm Gastprofessuren für vergleichende Religionswissenschaften an den Universitäten Prag, Krakau und Wien. Dazu kam eine Professur für alte Sprachen am Jesuitenkolleg in Rom, und wiederum „nebenbei“ wurde Erxleben Experte für asiatische, speziell indische Kultur. Und dann kam er auch noch auf seine erste Leidenschaft zurück: Er machte sich einen Namen als Oratoriensänger. Seine Musikalität sollte ihn später zu einem außergewöhnlichen Opfer der Nationalsozialisten machen.

Erxleben und Staehle beteiligten sich an der Rettung von Juden, die kurze Zeit in der abgelegenen Invalidensiedlung verweilen konnten, bevor sie in weitere Verstecke flohen. Der katholische Priester führte zudem Staehle und dessen Ehefrau Hildegard in den Solf-Kreis ein, einer Gruppe konservativer Nazi-Gegner.

Im KZ sang er jeden Morgen

Erxleben wurde noch vor Staehle am 17. Mai 1944 verhaftet und ins Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt. Dort wurde er wochenlag in einen Käfig gesperrt, in dem er weder sitzen, liegen noch stehen konnte. Trotz dieser Qualen sang er jeden Morgen mit lauter Stimme das „Gloria“ der katholischen Messe, was ihm weitere Quälereien einbrachte.

Nach einer weiteren Leidensstation im Konzentrationslager Sachsenhausen kam Erxleben in das Gefängnis Lehrter Straße, in dem auch Staehle inhaftiert war. Mit der Eroberung der Berliner Innenstadt durch die Sowjetarmee kam auch Erxleben frei. Gesundheitlich stark angeschlagen durch Haft und Folter, musste er sich im Hedwigs-Krankenhaus in Mitte mehreren Operationen unterziehen, bevor er in seine Heimatstadt Koblenz zurückkehrte.

Hier erfüllte sich sein lebenslanger Traum. Er erhielt eine Pfarrstelle, in Müden an der Mosel mit nur 900 Seelen. Hier versah er sein Pfarramt bis Ende Oktober 1951, als er sich wegen seiner geschwächten Gesundheit in den Ruhestand versetzen ließ. Trotz seiner fast unerträglichen Schmerzen pflegte er weiter Kontakt mit seinen langjährigen Freunden, dem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuß und dem Schriftsteller Carl Zuckmayer.

Müden an der Mosel benennt
Straße nach Erxleben

1954 hatte Erxleben noch auf Anregung eines Tübinger Verlegers damit begonnen, eine Autobiographie zu schreiben. Doch von der kamen nur wenige Teile zusammen. Am 9. Februar 1955 ist Friedrich Erxleben gestorben. Im vergangenen Jahr ist im Moselort Müden eine Straße nach ihm benannt worden.

Die Erinnerung an Friedrich Erxleben wird vor allem vom Förderverein Mahnmal Koblenz aufrecht erhalten. Weitere Informationen gibt es unter www.mahnmalkoblenz.de.

Autor:

Christian Schindler aus Reinickendorf

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