Und täglich grüßt die Feiermeile

Pantomimen sollten in den vergangenen Wochen in den Partymeilen für weniger Lärm sorgen. Das Projekt kostete 40.000 Euro und wurde unter anderem von visitBerlin und der Clubcommission finanziert. Vom Bezirk gab es dafür kein Geld. (Foto: Thomas Frey)
 
Pantomimen waren in den vergangenen Wochen in mehreren Kneipenmeilen unterwegs, um das Feierpublikum zu mehr Ruhe zu animieren. Die Aktion habe wenig bewirkt, außer vielleicht dass Touristen noch mehr bespaßt wurden, sagen Kritiker. Eine Resümee des Projektes soll es voraussichtlich im August geben. (Foto: Thomas Frey)

Friedrichshain-Kreuzberg. Für einige Leute war die Sache klar. Bei den Besuchern, die in ihren Kiez kommen, handelt es sich um „Pöbeltouristen“. Und solche Feiermeilen wie etwa das RAW-Gelände sollte man am besten gleich einebnen.

Solche Meinungen gab es zuletzt am 9. Juli bei einer Veranstaltung der Grünen BVV-Fraktion zum Tourismus im Bezirk. Sie stand unter dem Titel: „Nächster Halt: Ballermann“. Ähnlich klingt es fast immer, wenn über dieses Thema diskutiert wird. In den Äußerungen mischt sich erheblicher Frust mit Anklängen von Wutbürgerei.

Die Betroffenen, und damit die Anwohner, fühlen sich nicht ernst genommen. Das Ordnungsamt sieht sich bei nächtlichen Exzessen nicht zuständig. Werde die Polizei informiert, komme diese entweder gar nicht oder viel zu spät. Versprechen, dass sich etwas ändern soll, seien schon häufig gemacht worden. Wenig sei bisher passiert und wenn, brachte es nicht die gewünschte Lösung. Deshalb wurde auch die jüngste Aktionsplan-Ankündigung von Bürgermeisterin Monika Herrmann (Bündnis90/Grüne) eher skeptisch aufgenommen. Sie wollte mit mobilen Toiletten oder auch mehr Mülleimern dem Tourismus-Boom entgegenwirken. Das allgemeine Problem sei damit nicht behoben. Auch nicht mit der Pantomime-Aktion, die bis Ende Juli lief und die Touristen zu mehr Ruhe aufrief. Selbst von Monika Herrmann wurde diese Idee eher kritisch gesehen. Aber wie kann man vorgehen?

Es müsse eine grundsätzliche Diskussion über qualitativen Tourismus beginnen, sagt die Bürgermeisterin. Das sollte auch die Hotel- und Gaststättenbranche so sehen. Denn die habe ja selbst unter manchen Exzessen zu leiden. „Ich weiß, dass manche Hostels im Bezirk keine Junggesellenabschiede mehr aufnehmen.“ Denn die hätten häufig alles kurz und klein geschlagen. Ein Beispiel, das auch zeigt, dass die Probleme nicht nur von Gästen von weit her verursacht werden, sondern auch durch Feierfreudige aus Berlin und dem Umland.

Viele Anwohner befürchten allerdings, dass es für solche Grundsatzdebatten inzwischen zu spät ist. Zumal es sich beim Tourismus um den wichtigsten Wirtschaftszweig in Berlin handelt. Darauf weist nicht nur Willy Weiland, Landeschef des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) hin. Auch die Städtewerber von visitBerlin veröffentlichen stolz die jährlich steigenden Übernachtungszahlen, die in diesem Jahr zumindest an der 30 Millionen-Marke kratzen. Die internationale Beliebtheit und das Interesse an Berlin sei ein Riesenerfolg, sagt Chef Burkhard Kieker. Natürlich müsse gegen Auswüchse vorgegangen werden. Aber auch den Berliner sollte klar sein, dass sie inzwischen in einer weltoffenen Stadt leben und die Zeiten einer Kiezidylle vorbei seien. In manchen Äußerungen gerade aus Friedrichshain-Kreuzberg sieht Kieker deshalb das Gebaren „vernagelter Biedermänner“ und empfiehlt ihnen eher Osnabrück als Wohnsitz.

Die Statements des Tourismuschefs fielen in dem Film „Welcome Goodbye“ der Regisseurin Nana A.T. Rebhan. Er setzte sich mit verschiedenen Facetten des Massenbesuchs auseinander und wurde bei der Veranstaltung der Grünen im Ambulatorium auf dem RAW-Gelände vor der Diskussionsrunde gezeigt. Kiekers Aussagen bezogen sich vor allem auf eine bereits 2011 stattgefundene Veranstaltung der Bündnispartei im Wrangelkiez, die damals unter dem Titel „Hilfe die Touris kommen“ stand. Sie gilt als eine Art Mutter aller Protestveranstaltungen zu diesem Thema. Vor allem auch deshalb, weil ein eher links gestricktes Publikum dort rigorose Maßnahmen vor allem durch die Polizei verlangte. Seither ist die Tonlage in dieser Richtung gesetzt.

Neben den Klagen über nächtlichen Lärm bringen die Anwohner auch andere Missstände vor. Etwa "Pinkeln im Hausflur" oder "Pöbeleien". Und durch die Touristen verändere sich ihr Quartier. Statt Geschäften für den täglichen Bedarf reihe sich inzwischen ein Lokal an das nächste. Letzteres versucht der Bezirk mit einer sogenannten Veränderungssperre zu bekämpfen. Sie wird inzwischen im Graefekiez ausprobiert und soll auch im Wrangelviertel folgen. Das Einrichten neuer Kneipen soll mit der Begründung verhindert werden, dass sich bei weiterem Zuwachs die Struktur eines Gebiets verändert.

Wie so oft ist auch hier die Umsetzung schwierig. Das gilt erst recht beim Gesamtproblem. Wirtschafts- und Ordnungsstadtrat Dr. Peter Beckers (SPD) setzt deshalb auch beim Thema Kneipenlärm vor allem auf Gespräche mit Gastronomen und Anwohnern. In einigen Gegenden sei das bereits erfolgreich gewesen. Aber zugegeben nicht überall.

Den schwarzen Schafen aber zumindest einmal mit größeren Sanktionen zu drohen, sei ein weiterer Schritt, meinen die Betroffenen.

Sie fanden es auch etwas komisch, dass im Film von Nana A.T. Rebhan zwar viele Facetten zum Thema Tourismus beleuchtet wurden, allerdings kaum eine völlig ablehnende oder genervte Stimme zu Wort kam.

Die habe es zwar gegeben, sagt die Regisseurin. Aber die meisten wollten sich nicht vor der Kamera äußern. „Sie hätten uns fragen sollen“, meinten die Anwohner rund um die Revaler Straße. tf
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