Man kann es ja mal versuchen: Testphase für Begegnungszone trifft auf Zustimmung

Sitzmöbel als Modell. So könnte es demnächst an der Kreuzung Nostitzstraße aussehen. (Foto: LK Argus)
 
Alles erstmal "reversible Maßnahmen". Auch die geplanten Veränderungen am Gesundheitszentrum. (Foto: Thomas Frey)
Berlin: Bergmannstraße |

Kreuzberg. Es ist erst einmal nur ein Provisorium. Und das macht es auch vielen Kritikern schwerer, das von vornherein abzulehnen. So gesehen ist es eine gute Idee, die geplante Begegnungszone in der Bergmannstraße zunächst einer Testphase zu unterziehen.

Bei einer Informationsveranstaltung am 3. November, als zum ersten Mal etwas mehr Details präsentiert wurden, herrschte dann auch über weite Strecken eine eher entspannte Stimmung. Natürlich gab es trotzdem Zuhörer, bei denen das ganze Vorhaben auch weiterhin auf Ablehnung stößt. Viele Fragen berührten kleinere oder größere Aufreger. Aber der Tenor eines Großteils der mehr als 100 Besucher lässt sich am besten mit der Aussage "Man kann es ja mal versuchen" zusammen fassen.

Konkret ist jetzt geplant, mögliche Veränderungen in der Bergmannstraße zunächst anhand von Modulen darzustellen. Bei denen handelt es sich um zwölf Meter lange und 3,25 Meter breite Bauteile, die nachvollziehbar machen sollen, an welcher Stelle es zum Beispiel Parkbänke oder weitere Fahrradabstellplätze geben soll, erklärte Eckhart Heinrichs vom Büro LK Argus, das für die Umsetzung des Projekts Begegnungszone verantwortlich ist. Die Bevölkerung könne sich dadurch ein besseres Bild machen. Die Meinung der Bürger sowie erste Erfahrungswerte sollen dann darüber entscheiden, an welchen Stellen das Provisorium eher wieder verschwinden soll und wo daraus ein dauerhafter Umbau werden könnte.

Wie mehrfach berichtet, geht es bei der Begegnungszone um gleichberechtigte Teilhabe aller Akteure im öffentlichen Raum. Unterm Strich bedeutet das aber ein Drosseln des Autoverkehrs, denn der soll sich das Straßenland mit Fußgängern und Radfahrern teilen. Ein weiteres Ziel ist das Entzerren besonders frequentierter Bereiche, wie am Gesundheitszentrum. An dieser Stelle soll es deshalb zum Beispiel eine ungeregelte Verkehrsampel geben. Sie geht nur dann in Betrieb, wenn jemand den Übergang nutzen möchte.

Solche und andere Vorhaben erst einmal zeitweise zu testen, fand zunächst den mehr oder weniger großen Beifall verschiedener Initiativen und Interessenvertreter. Etwa von Gabi Jung vom Bund für Umwelt und Naturschutz Berlin (BUND). Ebenfalls zustimmend äußerte sich Ulrike Ehrlichmann, die Behindertenbeauftagte des Bezirks. Denn "es soll nicht so bleiben, wie es jetzt ist", meinte sie nicht nur als Verweis auf die Probleme der Menschen mit einem Handicap in diesem Bereich. Selbst Michael Becker, Vertreter der Gewerbetreibenden an der Bergmannstraße, unter denen es viele Vorbehalte zur Begegnungszone gibt, stellte sich nicht grundsätzlich gegen eine "Rückgewinnung des öffentlichen Raums". Er bemängelte allerdings, dass er mehr über diese Modulpläne erst an diesem Abend und nicht schon im Vorfeld erfahren habe. Auch der Wegfall von mehr als 100 der nach seiner Zählung 130 Parkplätze in diesem Bereich halten die Geschäftsleute für zu hoch. Sie wollen die Stellflächen um höchstens ein Viertel reduzieren. Und es dürfe auf keinen Fall passieren, dass sich die Stadtplaner nach ihren Baukastenspielen einfach vom Acker machen, mahnte Michael Becker. Denn das würde für weiteren Ärger sorgen.

Hans-Jürgen Hubert von der Initiative "Leiser Bergmannkiez" kam dagegen sehr schnell zu seinem Lieblingsthema – der Forderung, die Kreuzung Zossener- und Friesenstraße an der Marheineke-Markthalle so umzugestalten, dass der Durchgangsverkehr nicht mehr passieren kann. Gerade dort aber habe das Modulvorhaben nur wenig zu bieten. Angedacht sei höchstens eine etwas andere Querung für den Radverkehr, räumte Eckhart Heinrichs ein. Wünsche, wie das Einrichten eines Kreisverkehrs, könnten dagegen nicht als Provisorium installiert werden.

Dazu dämpfte Horst Wohlfahrth von Alm, Beauftragter für die Begegnungszonen bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Erwartungen, dass sich an dieser Stelle etwas grundlegend ändert. Sie sei zum einen nicht Teil des Projektvorhabens. Außerdem sehe die Verkehrslenkung Berlin schon wegen der beiden Ampeln keine Möglichkeit, die Straße sperren zu lassen. Woran aber weiter gearbeitet werde, sei eine Beruhigung der Situation.

Andere Fragen bezogen sich auf den Radverkehr und warum der keine eigene Spur bekommen soll. Aber Begegnungszone heiße eben auch, rasende Radler auszubremsen. Es ging um die Sorge, wegen des "Parkplatzkahlschlags" keine Stellfläche für das eigene Auto mehr zu finden, die Baustadtrat Hans Panhoff (Bündnis90/Grüne) zu zerstreuen versuchte. Parallel zur Begegnungszone plant der Bezirk eine Parkraumbewirtschaftung in dieser Gegend. Erfahrungen, etwa aus Friedrichshain, würden zeigen, dass die Anwohner davon am meisten profitieren würden.

Auch das traditionelle Bergmannstraßenfest sei, trotz der Module, nicht gefährdet, versicherte der Stadtrat. Es werde höchstens während des Umbaus einmal an anderer Stelle stattfinden müssen. Ansonsten seien die Provisorien dafür kein Hindernis. Und wenn doch, könnten sie schnell entfernt werden.

Das weitere Procedere für die Begegnungszonenmodelle sieht so aus, dass bis Anfang kommenden Jahres ein ausgearbeiteter Plan vorliegen soll. Danach muss die BVV Friedrichshain-Kreuzberg darüber entscheiden. Bei positivem Votum soll die Testphase im Sommer 2017 beginnen und bis Ende 2018 dauern. tf
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