Dem Tinnitus die Bedeutung nehmen

Pfeifen, Brummen, Rauschen: Menschen mit Tinnitus hören Geräusche, die niemand sonst wahrnimmt. Aber nicht jeder Tinnitus wird chronisch, oft verschwindet das Ohrgeräusch wieder. (Foto: Silvia Marks)

Klaus Hausmann begleitet der Tinnitus seit bald 15 Jahren. Er ist Gründer und Leiter der Tinnitus-Selbsthilfegruppe in Celle.

"Es ist ein mühsamer Weg mit vielen Tiefs, aber man kann lernen, mit Tinnitus zu leben. Gefährdet sind vor allem Menschen, die Lärm und Stress ausgesetzt sind, viel Verantwortung tragen und oft sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben." Das ist seine Beobachtung. Sie deckt sich mit denen von Prof. Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums des Universitätsklinikums Charité in Berlin. "Je emotional erschöpfter ein Mensch ist, desto häufiger ist eine Hörminderung und desto häufiger tritt ein Tinnitus auf." Und: Was sonst überhört wird, erscheint bei Stress bedrohlich.

Für das Geräusch im Ohr gibt es keine Schallquelle. Die Entstehung des Pfeifens, Brummens oder Rauschens gibt der Wissenschaft Rätsel auf. "Wir kennen zwar mittlerweile eine Reihe von Auslösern für einen Tinnitus, aber die genauen Entstehungsmechanismen sind noch nicht komplett geklärt", sagt Birgit Mazurek.

"Tinnitus ist ein Symptom, eine Fehlfunktion, keine eigene Krankheit", erklärt die Fachärztin für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Lärm kann ebenso Auslöser sein wie eine Durchblutungsstörung im Innenohr oder eine Blockade an der Halswirbelsäule. Dadurch gerät irgendwo auf dem Weg vom Ohr zum Gehirn die Kommunikation zwischen den Nervenzellen aus dem Takt. Höreindrücke werden falsch weitergegeben oder verselbstständigen sich. Störende Geräusche werden nicht mehr gefiltert, oder Nervenzellen reagieren besonders sensibel, um eine Schwerhörigkeit nach einem Hörsturz auszugleichen.

Hält das Ohrgeräusch einen Tag an, sollten Betroffene zum Arzt gehen. "70 bis 80 Prozent der akuten Ohrgeräusche bilden sich wieder zurück", sagt Mazurek. Nach drei Monaten gilt der Tinnitus als chronisch. Rund drei Millionen Menschen in Deutschland leiden Schätzungen zufolge an einem chronischen Tinnitus.

Viele Betroffene probieren alternative Therapien aus, deren Nutzen zum Teil sehr umstritten und deren Wirksamkeit oft in keiner Weise erprobt ist. "Es gibt sehr viele unseriöse Angebote auf dem Markt", sagt Prof. Gerhard Goebel, Vizepräsident der Deutschen Tinnitus-Liga und Sprecher des fachlichen Beirats der bundesweit tätigen Selbsthilfeorganisation. Er rät Betroffenen deshalb, den Therapeuten zu fragen, ob er entsprechend den von einer wissenschaftlichen Kommission erstellten Leitlinien zur Tinnitusbehandlung arbeitet.

Bei einem chronischen Tinnitus gilt derzeit die sogenannte Retraining-Therapie als die erfolgversprechendste Methode. Sie kombiniert verschiedene Bausteine wie Hörtraining, Verhaltenstherapie, Entspannungsmethoden und umfassende Aufklärung über die Mechanismen, die den Tinnitus entstehen lassen. Ziel ist, dem Pfeifen, Brummen oder Rauschen seine Bedeutung zu nehmen. "Das Ohrgeräusch wird durch die Retraining-Therapie nicht weggehen. Aber der Patient merkt, dass er es aktiv beeinflussen kann", sagt Mazurek. Das Training erfordert Geduld: "Mit ein bis zwei Jahren muss man rechnen", sagt die Tinnitus-Expertin. "Es bringt nur dann etwas, wenn der Patient die Strategien selbst ständig trainiert."


dpa-Magazin / mag
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