Neunte Roggenernte im ehemaligen Todesstreifen

Clara Fischer füllt Roggenkörner in kleine Leinensäcke. Sie werden gegen eine Spende in der Kapelle der Versöhnung angeboten. (Foto: Dirk Jericho)

Mitte. Das Kornfeld rund um die Kapelle der Versöhnung ist seit neun Jahren Symbol und Zeichen, dass das Leben auf dem ehemaligen Todesstreifen zurückgekehrt ist.

In diesem Jahr ist es 25 Jahre her, dass die Mauer fiel. Und im kommenden Jahr jährt sich die Sprengung der Versöhnungskirche, die durch den Mauerbau 1961 plötzlich mitten im Grenzstreifen an der Bernauer Straße stand, zum 30. Mal. Den SED-Oberen war das Gotteshaus ein Dorn im Auge. Jahrelang mussten die NVA-Jeeps einen Bogen um die ungeliebte Kirche fahren. Heute steht auf deren Fundamenten die Kapelle der Versöhnung; ein einfacher Bau aus Holz und Lehm.

Seit neun Jahren wird rund um die Kapelle Getreide angebaut. Die Idee dazu hatte der Künstler Michael Spengler, der mit dem Kornfeld das Wachsen, Gedeihen und Vergehen darstellen wollte. Für Axel Klausmeier, Direktor der Mauerstiftung, hat der Getreideacker große Symbolkraft. "Das Roggenfeld verwandelt einen Ort der Angst und Gewalt in etwas Lebenspendendes", sagt er.

Anfangs haben Spengler und andere Gemeindemitglieder das Feld allein bestellt. Seit einigen Jahren helfen Fachleute vom Institut für Landwirtschaft der Humboldt-Uni bei der Aussaat, Pflege und Ernte. Studenten haben auf dem Kirchenacker geforscht, Bodenproben analysiert oder Erträge berechnet. In den letzten zwei Jahren wollte aber niemand mehr das Roggenfeld im Niemandsland zu seiner Semesterarbeit machen, wie Dozent Wilfried Hübner sagt. Er ist seit einem Jahr in Pension, doch um "sein Roggenfeld", wie er sagt, kümmert er sich immer noch. Auch Mähdrescherfahrer Gerd-Uwe Bösche zog am 18. Juli seine Bahnen wie jedes Jahr. Der Versuchstechniker von den Uni-Landwirten "macht das weiterhin sehr gerne", obwohl auch er jetzt in Rente ist.

Die Kornausbeute des Kirchenfeldes kann mit dem Ertrag auf professionellen Agrarflächen nicht mithalten. Dort ernten die Landwirte das Dreifache. Aber darauf kommt es auf dem knapp einem halben Hektar großen Acker auch gar nicht an. Hier gibt es keinen Herbizideinsatz und nur eine "ganz minimale Düngung", sagt Hübner. Bösche schmeißt im Frühjahr ein bisschen Stickstoff und Kali auf die Krume, mehr nicht. Das geerntete Korn wird jetzt in der Versuchsstation des Landwirtschaftsinstituts getrocknet und ausgesiebt. Etwa 20 kleine Leinensäcke mit Roggenkörnern bekommt die Kirchengemeinde jedes Jahr, die ein Biobäcker mahlt und zu Brot verarbeitet. Heidrun Albert, Ehefrau des verstorbenen Pfarrers der Versöhnungsgemeinde Manfred Fischer, macht zu Hause aus einem Teil der Ernte Oblaten für das Abendmahl. Ihre Tochter Clara Fischer hat am Erntetag am 18. Juli Körner der 2013-er Ernte in Minisäcke gefüllt. Gegen eine kleine Spende wird das Getreide vom wieder fruchtbaren Acker im einstigen Todesstreifen in der Versöhnungskapelle angeboten.


Dirk Jericho / DJ
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