Das Vorleseprojekt in Kurt-Tucholsky-Bibliothek legt Grundstein für Bildungschancen

Dann und wann kommt bei Michael Dressel auch Teddybär "Chef" zum Einsatz. (Foto: KEN)
Berlin: Kurt-Tucholsky-Bibliothek |

Moabit. Etwa sieben Kinder sitzen zusammen mit Michael Dressel auf einem Teppich in einer gemütlichen Ecke der Kurt-Tucholsky-Bibliothek. Die kleine Gruppe aus einer benachbarten Kita hängt wie gebannt an seinen Lippen.

Der Bibliothekswissenschaftler erzählt vom Riesen Rick, der auf dem Nachhauseweg seine neu gekauften Kleider nach und nach an Tiere verschenkt, bis er am Ende selbst nichts mehr hat. Dressel erzählt, fragt nach, gestikuliert, setzt Requisiten ein. Es ist Vorlesestunde und es ist begeisterndes Mitmach-Theater. Das merkt man an den glänzenden Kinderaugen, am konzentrierten Zuhören und Mitreden. Michael Dressel ist auf der letzten Seite des Kinderbuches angelangt, und selbstverständlich geht die Geschichte gut aus. Die Kinder dürfen sich selbst noch Bücher aussuchen und darin schmökern.

Michael Dressel ist Leiter des Projekts „Bildungsmöglichkeiten entdecken“. Entwickelt hat es der Verein Moabiter Ratschlag gemeinsam mit dem bezirklichen Bibliotheksamt und dem Quartiersmanagement Moabit-West. „Bildungsmöglichkeiten“ wird finanziert aus Mitteln des Bund-Länder-Förderprogramms „Soziale Stadt“. Die Idee dahinter ist, kostenlose Leseangebote für Kitas im Kiez zu entwickeln. Die haben zwar auch ihre Leseförderung, aber es gehe auch darum, den Kindern „eine schöne Stunde in der Bibliothek“ zu ermöglichen, an die sie sich später hoffentlich positiv erinnern, – und wiederkommen.

Wer seine Muttersprache beherrscht, lernt leichter Deutsch

Eine Variante ist das zweisprachige „Bilderbuchkino“, bei dem Michael Dressel mit Kiezmüttern zusammenarbeitet. Wer seine Muttersprache gut beherrscht, lernt auch leichter Deutsch. Das Bilderbuchkino findet jeden Dienstag und in einer jeweils anderen Sprache statt: in Arabisch, Türkisch, Polnisch, Französisch und Russisch. Ziel des Projekts ist es, die Aufmerksamkeit der Kinder zu schulen und ihnen die Angst vor dem Buch zu nehmen. „Viele Kinder kennen das Buchlesen von zu Hause gar nicht mehr“, sagt Michael Dressel. Außerdem trainierten die kleinen Besucher, ruhig zu sein und zuzuhören.

Das Projekt funktioniert so gut, weil sich viele Ehrenamtliche engagieren. Derzeit gehören zehn Helfer zu Dressels Team. Bärbel ist seit März 2015 dabei. Die pensionierte Grundschullehrerin suchte eine Beschäftigung. Das Projekt sei perfekt für sie, meint sie. „Lesen ist wichtig. Der Kontakt zu Büchern ist notwendig. Zum Teil brauchen diese Kinder das ganz besonders.“

Lesefähigkeit verbessern

Bibliothekswissenschaftler Dressel: „Das Projekt ist ein wesentlicher Baustein, die Lesefähigkeit zu verbessern. Hier werde mit der Grundstein gelegt für spätere Bildungschancen.“ „Bildungsmöglichkeiten“ wird nach knapp zweijähriger Laufzeit im Dezember 2016 enden. Michael Dressel hofft auf eine Verlängerung. Dafür sprechen schon die Zahlen. Allein im April besuchten fast 400 Kinder aus zwölf umliegenden Kitas die Vorlesestunde in der Kurt-Tucholsky-Bibliothek. Zwei bis drei Kitagruppen kommen laut Dressel jeden Vormittag in die Rostocker Straße 32b, wenn die Bibliothek keinen Publikumsverkehr hat.

Gerade entwickeln Michael Dressel und der Moabiter Ratschlag ein ähnliches Programm. Das EU-geförderte Projekt mit dem Arbeitstitel „Bildungsscharnier“ soll in diesem Sommer an den Start gehen. Zielgruppe sind Flüchtlingskinder in Willkommens- und Deutschlernklassen. KEN
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