Straßenstrich im Kiez: Broschüre favorisiert Einvernehmlichkeit

In der Kurfürstenstraße. (Foto: KEN)

Schöneberg. Kann man eigentlich mit Straßenprostituierten, ihren Freiern, Zuhältern und einschlägigen Lokalen gute Nachbarschaft pflegen? Wer darf wo was machen? Wem gehört das Quartier?

Wahrnehmung und Antworten sind so unterschiedlich, wie die Bewohner der Kieze im Schöneberger Norden und im Süden von Tiergarten. Die einen verweisen darauf, dass es den Straßenstrich schon seit 100 Jahren hier gebe und Prostitution ein "Teil der gewachsenen Urbanität" sei. Die anderen meinen, alles sei komplizierter geworden und nehmen abends lieber einen Umweg nach Hause. Freier schwärmen von der "aufregenden Atmosphäre" und "immer wieder neuen, jungen Gesichtern". Prostituierte klagen über wachsende Konkurrenz durch Frauen aus Osteuropa.

"Die Prostitution rund um die Kurfürstenstraße kann weder verboten noch verdrängt werden", schreiben Christiane Howe, Gerhard Haug und Rolf Hemmerich, Autoren der Broschüre "Reise durch ein Viertel - 30 Menschen erzählen - Nachbarschaft und Straßenprostitution - Wie geht das?". Das "älteste Gewerbe der Welt" ist in Deutschland erlaubt. Verdrängung der Prostituierten würde nur bedeuten: Sie stehen woanders. Es geht also nur miteinander. Die "unterschiedlichen Nutzungen" des Quartiers müssen so gestaltet werden, "dass alle Beteiligten mehr oder weniger zufrieden damit leben können", so das Fazit der Broschüre.

Sie ist das Ergebnis einer Ausstellung und eines Arbeitskreises des Quartiermanagements Schöneberger Norden. Hier wie dort wurden Vorschläge von Anwohnern aufgenommen und geprüft, inwieweit es ein einvernehmliches Nebeneinander von Wohnen und Straßenprostitution geben kann. Einiges wurde bereits umgesetzt: das Entfernen von wucherndem Grün, das Einrichten von Einbahnstraßen und Durchfahrverboten, Bewohnerschließdienste für Spielplätze, Nachbarschaftsaktionen auf den Straßen. Die Liebesdienerinnen, aber auch Wohnungslose und Drogenabhängige werden medizinisch und sozial beraten. Häufig aber stoße die Verwaltung an Grenzen, so Bürgermeisterin Angelika Schöttler und Sozialstadträtin Sibyll Klotz in ihrer Machbarkeitsstudie zu den Anregungen und Vorschlägen der Kiezbewohner. Viele wünschen sich den südlichen Teil der Frobenstraße als Einbahnstraße. Das wäre möglich, sagen Schöttler und Klotz. Aber Tiefbau- und Ordnungsamt meinen, das würde nicht viel helfen. Die Erfahrung zeige, dass Autofahrer dann schneller durchfahren. Der Verkehrslärm steigt.

Für vieles sei der Senat und nicht der Bezirk zuständig, etwa für die Einrichtung von Bordellen oder Sperrgebieten und -zeiten. Innenstaatssekretär Bernd Krömer (CDU) hat zwar versprochen, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, "um der fortschreitenden Ausweitung der Prostitution in dieser Stadt entgegenzuwirken". Konkret unternommen hat der Senat allerdings noch nichts.

Über den Schöttler-Klotz-Schlussbericht werden die Bezirksverordneten zu diskutieren haben - nach der Sommerpause.


Karen Noetzel / KEN
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