30 Betten für obdachlose Menschen
Kältehilfe im Kurfürstenkiez gestartet – aber nach dieser Saison ist wahrscheinlich wieder Schluss

Auf der Terrasse vor dem Speiseraum: Artan Zeka und Claudia Nickel vom Internationalen Bund, Senatorin Elke Breitenbach und Sozialstadtrat Matthias Steuckardt.
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  • Auf der Terrasse vor dem Speiseraum: Artan Zeka und Claudia Nickel vom Internationalen Bund, Senatorin Elke Breitenbach und Sozialstadtrat Matthias Steuckardt.
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Ganz in der Nähe vom U-Bahnhof Kurfürstenstraße gibt es eine neue Kältehilfe-Station. Bis Ende März bietet sie Platz für 30 Obdachlose, die die Nacht sicher verbringen wollen. Bisher sind es vor allem Frauen, die hierherkommen.

Am 1. November hat der Internationale Bund (IB) die Arbeit in der Kurmärkischen Straße 1 aufgenommen. Täglich ab 18.30 Uhr bieten die Mitarbeiter den Obdachlosen ein warmes Abendessen, eine Duschmöglichkeit und ein Bett. „Morgens um 8 Uhr müssen sie das Haus verlassen. Vorher können sie bei uns frühstücken. Aber die meisten nutzen die Zeit, um möglichst lange im Bett zu bleiben, sie bekommen ein Ess-Paket mit auf den Weg“, sagt Claudia Nickel vom IB.

Bevor die Übernachtungsgäste das Haus betreten, müssen sie potenzielle Waffen wie Messer sowie Alkohol oder andere Drogen am Eingang abgeben. „Süchtig sind so gut wie alle“, so Nickels Kollege Artan Zeka. Viele stammen aus osteuropäischen Ländern, unter den Frauen gibt es etliche Prostituierte. Aber auch für Paare ist Platz, sie werden über Nacht nicht getrennt.

Neulinge müssen bei der Ankunft einen Corona-Test machen. Wer regelmäßig kommt – und das sind in Kältehilfe-Einrichtungen in der Regel die meisten –, wird zweimal in der Woche getestet. „Wenn jemand infiziert ist, schicken wir ihn nicht wieder auf die Straße, sondern bringen ihn in unserem Corona-Einzelzimmer unter und vermitteln ihn dann an die Lehrter Straße ins Quarantänezentrum weiter“, berichtet Claudia Nickel.

Sie empfindet das Haus als Glücksfall. Es ist barrierefrei, liegt zentral und die Küche ist gut ausgestattet. Außerdem hätten sich sofort Ehrenamtliche gefunden, auch Helfer mit osteuropäischen Sprachkenntnissen. Vor allem aber reagierten die Anwohner positiv, sie begrüßten den Anlaufpunkt im Brennpunkt-Kiez. Das kann Sozialstadtrat Matthias Steuckardt (CDU) gut verstehen. „Vorher haben zum Beispiel immer wieder Menschen auf dem Gelände des Seniorenwohnheims nebenan übernachtet. Dort ist man sehr froh über die neue Einrichtung“, berichtet er.

Das Gebäude ist in Bezirkshand und wurde bis vor Kurzem von sozialen Einrichtungen genutzt. Dann sollte es dem Neubau eines Familienzentrums weichen, doch der Abriss verzögerte sich. Daraufhin plante das Bezirksamt, Volkshochschule und Musikschule vorübergehend einziehen zu lassen. „Erst vor wenigen Wochen haben wir uns dann dazu entschlossen, den Schulen die erste Etage zu geben und die Kältehilfe im Erdgeschoss unterzubringen“, erklärt der Stadtrat.

Zuvor habe der Bezirk lange gesucht, um geeignete Räume für eine Notübernachtung zu finden. In Tempelhof-Schöneberg hat es bisher nur eine einzige Anlaufstelle gegeben: Die Friedenauer Gemeinde Zum Guten Hirten stellt seit vielen Jahren 15 Plätze an drei Nächten in der Woche zur Verfügung. Derzeit sind es wegen der Corona-Beschränkungen acht. Ansonsten gibt es nur noch eine Wohnungslosentagesstätte an der Gustav-Freytag-Straße.

Obwohl die neue Einrichtung gebraucht wird, rechnet Stadtrat Steuckardt damit, dass im kommenden Jahr der Abriss ansteht, „auch wenn da zwei Herzen in meiner Brust schlagen“, wie er sagt. Aber ein Familienzentrum sei für den Kiez wichtig, zudem würden darüber 15 Wohnungen gebaut, für die der Bezirk das Belegungsrecht habe. Sprich: Hier können Menschen untergebracht werden, die auf dem freien Markt keine Chance haben, ein Dach über den Kopf zu finden, zum Beispiel Obdachlose.

Diesen Weg findet Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) grundsätzlich richtig und wichtig. Auf längere Sicht müssten die bedürftigen Menschen eine eigene Bleibe finden. Ihr Ziel ist es, die Obdachlosigkeit in Berlin bis 2030 zu beenden. „Wir müssen eine nachhaltige Lösung finden. Kältehilfe ist nicht nachhaltig, aber notwendig, denn sie rettet Leben“, sagt sie. In der vergangenen Legislaturperiode habe der Senat die Notübernachtungsplätze auf rund 1500 im Jahr 2020 verdoppelt. Momentan stünden 1000 Plätze zur Verfügung, bei den noch recht milden Temperaturen reiche das. Bei Bedarf könne aufgestockt werden. Aber auf die Stadt warteten neue Herausforderungen: „Prinzipiell brauchen wir auch eine Sonnenhilfe. Bei starker Hitze können die Menschen auch nicht auf der Straße bleiben“, sagt die Senatorin.

Wer etwas spenden möchte: Willkommen sind warme Kleidung, besonders für Frauen, neue Unterwasche, Hygieneartikel und Handtücher. Die Sachen können ab 18 Uhr in der Einrichtung abgegeben werden. Kontakt unter artan.zeka@ib.de.

Autor:

Susanne Schilp aus Neukölln

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