Wo bleibt Wilmersdorf? Kritiker beklagen Bedeutungsverlust

Nur ein Schriftzug blieb: Die Trennung vom Rathaus Wilmersdorf empfindet manch einer als Identitätsverlust. (Foto: Schubert)

Charlottenburg-Wilmersdorf. Hier reift ein Prestigeprojekt nach dem nächsten - dort sieht man Meinungsführer schmollen. Charlottenburg und Wilmersdorf waren immer schon zwei ungleiche Schwestern. Jetzt aber werden Befürchtungen lauter, das "W" stehe nur noch für "Wurmfortsatz".

Immer noch prangt in großen Lettern "Rathaus Wilmersdorf" über der Pforte am Fehrbelliner Platz. So, als hätten die Beamten nach ihrem Fortzug den Schriftzug aus Wehmut stehen lassen. Als sentimentales Zeichen der einstigen Autarkie. Doch das Weiße Haus am Fehrbelliner Platz als Sitz von Ämtern und Stätte der BVV-Debatten - es ist seit Anfang 2015 aus der Rechnung des Fusionsbezirks getilgt, der Kosten wegen.

Wenige Kilometer weiter, da duckt sich das Schoeler-Schlösschen in die Wilhelmsaue, äußerlich in Schuss, im Inneren bedroht vom Verfall. Noch ein Wilmersdorfer Wahrzeichen, das nur noch zum Schein von der Identität des Alt-Bezirks kündet, der 2001 die Eigenständigkeit verlor. Und in der Debatte um die Zukunft des ältesten Hauses in diesem geruhsamen, bodenständigen, bürgerlichen Teil Berlins wurde nun ein Gedanke laut, der bis dato unzufriedenes Getuschel war: "Mir fehlt hier etwas", sagte der örtliche Abgeordnete

Stefan Evers

(CDU) beim letzten Werkstattgespräch. "Bürger und Vereine brauchen doch eine wohnortnahe Veranstaltungsstätte." Und schließlich: "Wilmersdorf darf nicht wirken wie ein Wurmfortsatz von Charlottenburg." Zustimmendes Nicken auf mehreren Plätzen.

Wenn es darum geht, die Historie der städtischen Hälften zu begreifen, fährt man in die Villa Oppenheim. Hohe Kultur erleben, schick einkaufen, den Zeitgeist spüren - all das gelingt eher in Charlottenburg. Ist Wilmersdorf ein Verlierer der Fusion?

Blickt man nach Nordosten, wird das Bedeutungsgefälle am greifbarsten. Da reckt sich der frisch sanierte alte Turm der Gedächtniskirche vor einer ganzen Landschaft des Aufbruchs. Da wartet das im Eilverfahren durchgesetzte Zoofenster-Hochhaus auf Gesellschaft durch das ebenso steile "Upper West". Da locken Zoopalast, Bikini Berlin und C/O Berlin ein junges, hippes Publikum, das dem Westen lange fernblieb - wohingegen das Europa-Center im 50. Jahr seines Bestehens die Beständigkeit verkörpert. Spricht man vom "Aufbruch der City West", meint man den Aufbruch Charlottenburgs. Und am anderen Ende des Kurfürstendamms, auf der Wilmersdorfer Seite? Da fliegen die Fetzen wegen Wohnungsbau. Da gehen Bürger auf die Barrikaden gegen einen Riegel, dessen Charme sie an den Koloss von Prora auf der Insel Rügen denken lässt.

Auf halbem Weg: der Olivaer Platz. Ein Grenzfall. Gerade noch in der Förderkulisse der Geldquelle "Aktive Zentren" gelegen, soll er von einem Totalumbau profitieren. Und zwar obwohl ein Teil der Bürger sich gegen das Projekt sperrt, das zum Fortschrittsglauben Charlottenburgs besser passt als zum bewahrenden Geist Wilmersdorfs. Hier gibt es Zuschüsse, welche man bei der Initiative am Bundesplatz dankend annehmen würde. "Für den ,Oli’ ist Geld da, Bezirk und Senat sitzen in den Startlöchern, mit der baulichen Umgestaltung könnte sofort begonnen werden. Wenn - verkehrte Welt - die Anwohner mehr Mut zur qualitätsvollen Stadt hätten", schrieb kürzlich deren Vorsitzender Wolfgang Severin in seinem Blog. Am Olivaer Platz wollen sie nicht. Am Bundesplatz können sie nicht. Es sind solche Dinge, die Wilmersdorfs Fortkommen bremsen. Es gehört Pech dazu, manchmal die Blockadehaltung von Bürgern, manchmal auch ein politisches Votum.

Wie eine Ironie des Schicksals scheint es wiederum, dass den schwierigen Kampf um die Zukunft des Schoeler-Schlösschens Dagmar König fechten muss: Unter den fünf Bezirksamtspolitikern ist die CDU-Stadträtin die einzige aus Wilmersdorf und sieht sich dabei gezwungen, Mehrheitsbeschlüsse umzusetzen, die keineswegs immer ihrer Überzeugung entsprechen. So wie der Leerzug des Rathauses am Fehrbelliner Platz. "Meine Entscheidung wäre es nicht gewesen", stellte König mehrfach klar. Und so geht es bei den Bezirkshälften tatsächlich zu wie unter Schwestern. Der Familie soll es gut gehen - also gibt eine nach.


Thomas Schubert / tsc
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