Gedenken an Lemmy Kilmister hat (noch) keine Chance

Wo sich der Linke Oliver Nöll musikalisch verortet, ist schon an seinem Outfit unschwer zu erkennen. (Foto: Thomas Frey)
 
Die Sonntagstraße soll zu Lemmy-Kilmister-Straße werden. Das forderte Anfang des Jahres eine Petition. Sie war zwar teilweise etwas augenzwinkernd gemeint, wollte aber ebenfalls ein Gedenken an den Motörhead-Sänger im Bezirk forcieren. (Foto: KiezApp Friedrichshain)

Friedrichshain-Kreuzberg. Lemmy Kilmister, im vergangenen Dezember im Alter von 70 Jahren verstorbener Sänger der Band Motörhead, soll in Friedrichshain-Kreuzberg mit einer Gedenktafel geehrt werden.

Dieses Anliegen verfolgt vor allem der Linke-Bezirksverordnete und Lemmy-Verehrer Oliver Nöll. In der Gedenktafelkommission fand sein Vorstoß allerdings keinen Widerhall. Das Gremium hatte eine Ehrung des Heavy-Metal-Stars abgelehnt. Abschließend entscheiden musste der Kulturausschuss bei seiner Sitzung am 28. Juni.

Erbost über Begründung

Noch mehr als die Abfuhr der Gedenkexperten brachte Oliver Nöll ihre Begründung auf die Palme: Zurückgewiesen wurde sein Vorstoß unter anderem mit dem Hinweis, dass Kilmister mit Nazi-Devotionalien hantiert hätte. Außerdem bezweifelte die Kommission, dass es sich bei ihm um eine herausragende Persönlichkeit gehandelt habe. Nicht einmal für die Musikgeschichte wollte sie das unbedingt gelten lassen.

"Man sollte nicht einfach irgendwelche Angaben auf Wikipedia ungeprüft übernehmen", konterte Nöll in der Ausschusssitzung den NS-Vorwurf. Eingeräumt sei, dass Militaria-Signets bei vielen Rockbands eine Rolle spielen. Das wiederum zu erklären, bräuchte einen längeren Vortrag. "Lemmy Kilmister hat aber weder durch Aussagen noch durch Zeichen jemals eine Nähe zum Nationalsozialismus gezeigt, ganz im Gegenteil", verwahrte er sich gegen eine solche suggerierte Verwandtschaft. Außerdem fand es der Linke überhaupt nicht lustig, wenn ihm dadurch vielleicht ebenfalls solche Tendenzen unterstellt würden.

Was die Bedeutung des Motörhead-Frontmanns anbelangt, sei nur auf die Nachrufe zu seinem Tod in nahezu allen Medien verwiesen. Der Stellenwert Kilmisters im Musikbereich erschließe sich bereits durch die lange Phase seines Wirkens, das von den 60er-Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart gereicht habe. Deshalb habe er "eine Geisteshaltung beeinflusst", fand Oliver Nöll.

Dass die Gedenktafelkommission solchen Gedankengängen nicht folgen konnte, versuchte BVV-Vorsteherin Kristine Jaath (Bündnis 90/Grüne) mit dem Hinweis zu erklären, deren Mitglieder – gerade die dort mitwirkenden Historiker – würden sich eher mit anderen Epochen, etwa der NS-Zeit, als mit zeitgenössischer Musik beschäftigen. Aber sein dortiger Status habe ohnehin nicht die entscheidende Rolle gespielt. Wichtiger für die Ablehnung sei gewesen, dass es keinen direkten Bezug zwischen Kilmister und Friedrichshain-Kreuzberg gebe. Ein nachgewiesener Auftritt in der Columbiahalle oder dass er vielleicht hier einmal ein Bier getrunken habe, reiche dafür nicht aus. Schon die Frage, wo die Tafel angebracht werden soll, sei wegen eines konkreten Ortes schwer zu beantworten.

"Man kann auch mal cool sein"

Für Nöll gibt es dagegen viele Gründe zu sagen, "dass er eine prägende Wirkung auf die Subkultur in diesem Bezirk hatte". Darin bestärkten ihn bereits viele Träger von Lemmy- oder Motörhead T-Shirts, denen er regelmäßig begegne. Und nicht zu vergessen, die im Januar in Friedrichshain initiierte Online-Petition, die eine Umbenennung der Sonntagstraße in Lemmy-Kilmister-Straße forderte und mehr als 2500 Unterstützer hatte. Auch wenn diese Forderung wahrscheinlich nicht erfüllt werden könne, zeige sie ebenfalls den Stellenwert des Verstorbenen. "Man kann auch mal cool sein", parierte der Linke die Bedenken und fasste seine Argumente zusammen.

So viel Coolness, um die Entscheidung der Gedenktafelkommission zu kippen, fand sich aber nicht im Ausschuss. Zwar wurde Nöll von der SPD unterstützt, die seinem Antrag auch beigetreten war. Die Grünen plädierten hingegen mit ihrer Mehrheit dafür, der Expertise des für die Erinnerungszeichen im Bezirk federführend zuständigen Gremiums zu folgen.

Hintertürchen bleibt

Aber vielleicht öffnet sich für Lemmy noch eine Hintertür. Denn im Verlauf der Debatte wurde angemerkt, dass sich neben ihm auch andere Größen des Rock und Pop schwer in Friedrichshain-Kreuzberg verorten lassen, für die aber ebenfalls ein, auch persönliches, Faible bestehe. Der Grüne Bezirksverordnete Werner Heck nannte dabei David Bowie oder Prince.

Dann solle er diese Namen doch vorschlagen, meinte Oliver Nöll. Danach kam die Frage auf, ob solchen Kandidaten eher ganz andere Formen der Erinnerung gerecht werden, als durch eine Gedenktafel. Für den Vorstoß könnte es also nach der Wahl eine Wiedervorlage geben. tf
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