Terrassenstreit im Nikolaiviertel: Zoff um Gestaltungssatzung

Annett Kaßan vom Georgbräu und Veranstalter Bastian Greiner-Bäuerle sind gegen Einheitsmöbel und fordern eine Diskussion über alle Punkte einer möglichen Gestaltungssatzung fürs Nikolaiviertel. (Foto: Dirk Jericho)
Berlin: Nikolaiviertel |

Mitte. Im Nikolaiviertel gibt es Streit um einen Vorstoß des Nikolaiviertel-Vereins, eine Gestaltungssatzung zu erarbeiten. Gastronomen lehnen das ab und fühlen sich nicht beteiligt. Obwohl Taylan Kurt, Bezirksverordneter der Grünen, seinen Antrag für eine Gestaltungssatzung zurückgezogen hat, sind die Gemüter erhitzt.

Machtkämpfe, Missgunst und Misstrauen – da braut sich was zusammen im Nikolaiviertel. Waren beim Thema Arkadenverglasung noch weitestgehend alle Gewerbetreibenden geschlossen gegen die Pläne der WBM, sind beim jetzigen Thema die Lager gespalten.

Der Grünen-Politiker Taylan Kurt – Ehrenmitglied im Nikolaiviertel e.V. – hatte im Juni einen Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) für eine „Gestaltungssatzung für das Nikolaiviertel“ eingebracht. Der Nikolaiviertel-Verein will ein solches Regelwerk, in dem es zum Beispiel um die Stühle und Tische vor den Restaurants geht. In der Antragsbegründung von Kurt heißt es, dass es „erhebliche Kritik“ gibt, weil die „Außenbestuhlung zahlreicher gastronomischer Einrichtungen dem historischen Ambiente nicht gerecht wird.“

Bauausschussvorsitzender Frank Bertermann (Grüne) hatte den Nikolaiviertel-Verein und die IG Nikolaiviertel, ein anderer Zusammenschluss von Gewerbetreibenden, vor der Juli-Sitzung um eine Stellungnahme gebeten. Der Verein erbat sich zeitlichen Aufschub; die IG hingegen schickte eine zweiseitige Stellungnahme mit 22 Unterschriften. Dass die verschieden Kneipenmöbel kritikwürdig seien, widerlegten sie mit etlichen Fotos. „Eine einheitliche Bestuhlung ist sicher das letzte Problem, was wir im Viertel haben“, so Annett Kaßan, Chefin vom Brauhaus Georgbräu, die gemeinsam mit Veranstalter Bastian Greiner-Bäuerle die Stellungnahme für die Interessengemeinschaft verfasst hat. Kaßan sagt, dass keiner der etwa 40 Gastronomen im Nikolaiviertel Einheitsmöbel will – auch wegen der Kosten. „Hier sieht alles ordentlich und gepflegt aus, jeder macht seine Terrasse zu seiner Visitenkarte“, so die Wirtin. „Der Antrag wurde wohl ohne Rücksprache mit den betroffenen Gewerbetreibenden eingebracht und deshalb zurückgezogen“, sagt Frank Bertermann.

Seitdem tobt ein bizarrer Kleinkrieg unter den Interessengruppen. Taylan Kurt sagt jetzt, dass er den Gastronomen nicht vorschreiben wollte, „welche Farbe ihre Außenbestuhlung haben soll“, sondern darüber einen „Diskussionsprozess in Gang setzen“. Weil sein Antrag „von Einzelpersonen vor Ort“ nur noch „als Forderung nach einer Geschmackspolizei“ verstanden werde, habe er ihn zurückgezogen. In seinem Antrag steht jedoch, dass in der Gestaltungssatzung geregelt werden soll, „wie das zu verwendende Mobiliar optisch und materiell beschaffen sein muss.“ Auf die Frage, wer sich denn über die jetzige Außenbestuhlung beschwert habe, antwortet Kurt: „Diese Aussage ist nicht von mir.“ Doch die Kritik ist Begründung seines Antrages zur Gestaltungssatzung. Für eine Stellungnahme war Taylan Kurt bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.

In einem Schreiben an die Gewerbetreibenden bedauert die Vereinsvorsitzende Martina Sprockhoff, dass mit dem Rückzug des BVV-Antrages „dem Nikolaiviertel leider große Chancen verloren gegangen sind“. Einen „Zwang zur einheitlichen Bestuhlung und Außengestaltung wurde von niemanden gefordert“, schreibt sie. Der Grünen-Antrag sagt jedoch das Gegenteil. „Bevor man sich äußert, sollte erst die Frage beantwortet werden, was eine Gestaltungssatzung eigentlich bedeutet und welche Vor- und Nachteile sich möglicherweise für das Viertel und für jeden Einzelnen ergeben“, schreibt Sprockhoff.

Das sehen Annett Kaßan und Bastian Greiner-Bäuerle von der IG Nikolaiviertel genauso. Von der geplanten Gestaltungssatzung haben sie erst durch die Bitte um Stellungnahme des Ausschussvorsitzenden Bertermann erfahren, sagen sie. Sie würden gern mit dem Niko-laiviertel-Verein zusammenarbeiten, „weil wir alle wollen, dass es dem Nikolaiviertel gutgeht“, so Greiner-Bäuerle. Er möchte Mitglied werden im Nikoaiviertel e.V., doch „über Ihre Aufnahme ist noch nicht entschieden worden“, teilte ihm Martina Sprockhoff vor Wochen mit. Annett Kaßans Antrag sei abgelehnt worden, wie sie sagt. Karsten Goerlitz, Bewohner im Nikolaiviertel und Mietervertreter der WBM, kommentiert den bissigen Kleinkrieg drastisch: „Das ist keine Öffentlichkeitsarbeit, das sind nur Grabenkämpfe“, sagt er über den Verein. DJ
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