Eine Gegend im Wandel der Zeit

Im Erdgeschoss ihres Hauses bietet Beate Hauke Räume an, die ihr Verein Pro Schillerkiez nutzt. Darüber hinaus sind hier demnächst ein Künstlerprojekt und Gesprächsrunden für ältere Bewohnergeplant. (Foto: Sylvia Baumeister)
Berlin: Schillerpromenade |

Neukölln. Nicht viele der heutigen Bewohner kennen den Schillerkiez so gut wie Beate Hauke. Obwohl die Besitzerin eines Hauses in der Okerstraße jetzt in Heiligensee wohnt, ist dies noch immer ihre Heimat. Die Berliner Woche besuchte die 63-Jährige und stellt sie in der neuen Serie „Unser Kiez – Rund um die Schillerpromenade“ vor.

Es ist kaum aufzuzählen, was Beate Hauke bisher schon auf die Beine gestellt hat. Die 63-Jährige ist Gründungsmitglied der Bürgerstiftung Neukölln, Vorstand im 2006 gegründeten Verein „Pro Schillerkiez“ und gehörte lange Jahre dem Quartiersrat Schillerpromenade an. Zahlreiche Aktionen startete sie, um gegen Müll, Dreck und Hundekot im Kiez anzugehen. Daraus entstand unter anderem ein Leitfaden für „Hundehalter und Menschen ohne Hunde“. Im Jahr 2009 initiierte sie zudem den vom Senat prämierten, kulturellen „Markt der Vielfalt“, der mit großem Erfolg auf dem Herrfurthplatz lief.

Um zu verstehen, was diese Frau antreibt, sich ständig um diesen Kiez, sein Erscheinungsbild, seine Atmosphäre und die hier lebenden Menschen zu kümmern, muss man ihre Geschichte kennenlernen. Im Alter von 19 Jahren zog die gebürtige Kielerin 1971 mit ihren Eltern, die im Wedding bis dahin einen Tante-Emma-Laden geführt hatten, in das neu erworbene Haus in der Okerstraße. „Damals“, so erzählt sie, „war dies eine ruhige Arbeitergegend mit angenehmer Atmosphäre. Man kannte sich, grüßte die Nachbarn, die Kinder spielten auf der Straße. Man feierte auch mal, aber nie zu laut.“

Das Straßenbild, so erzählt sie, sei damals geprägt gewesen von zahlreichen Kneipen und kleinen Geschäften. Mit dabei waren, so erinnert sich Beate Hauke, zwei Frisöre, ein Zoogeschäft, ein Tapetenladen, ein Goldwarengeschäft, eine Apotheke, ein Wurstwaren- und ein Schreibwarengeschäft sowie mehrere kleine Lebensmittelhändler. Das Bild und die Atmosphäre wandelten sich allmählich ab Ende der 70er Jahre. „Da zogen die Leute hier weg in besser ausgestattete Wohnungen. Hier gab es bis dahin kaum eingebaute Heizungen und Bäder.“ Wer es sich leisten konnte, sei woanders hin, sozial schwächere Mieter zogen nach.

In der Folge gab es viele leerstehende Wohnungen, viele Einzelhandelsgeschäfte gaben auf, Jugendbanden zogen durch die Straßen. Mit anderen Hauseigentümern gründete Beate Hauke, die 1980 nach Heiligensee gezogen war, nun aber die Hausverwaltung in der Okerstraße, eine Initiative im Kiez. „Wir hatten Probleme, überhaupt noch Mieter zu finden, so schlimm war es hier geworden. Wir wollten uns gegenseitig unterstützen und die Atmosphäre verbessern“, erzählt die Industriekauffrau. Die Initiative lud zu Gesprächen mit Hausbesitzern und Mietern, veranstaltete Kiezfeste. Später ging daraus der Verein Pro Schillerkiez hervor, der heute einen Blog unterhält unter proschillerkiezblog.wordpress.com.

Viele weitere Maßnahmen, auch von Seiten der Stadt und des Bezirks, folgten, um die Probleme anzugehen. So wurde 1999 ein Quartiersmanagement eingerichtet, viele Hausbesitzer modernisierten ihre Wohnungen. „Wirklich geändert hat sich hier erst etwas, nachdem der Flughafen 2008 geschlossen wurde“, findet Beate Hauke. „Seitdem ziehen wieder verstärkt junge Leute hierher, auch mit Familie.“ Unangenehmer Nebeneffekt sei es, dass nun einige ihrer Hausbesitzer-Kollegen unmäßig die Mieten anheben. Dennoch hält sie nichts vom Milieuschutz. „Das hatten wir schon und brachte die Gegend nur runter.“ SB
Sie wollen weitere Geschichten aus der Serie rund um die Schillerpromenade lesen? Dann klicken Sie auf Unser Kiez - Rund um die Schillerpromenade. Persönliche Kiezgeschichten aus der ganzen Hauptstadt gibt es wiederum auf Unser Kiez - Berlin.
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