Ein Schmuckstück und Ort der Begegnung
„Theatergasse für Alle“ eröffnet am 21. Juni nahe dem S-Bahnhof Karlshorst

Mario Rietz und Merten Mordhorst kurz vor der Eröffnung. Noch sind nicht alle Wandbilder fertig.
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  • Mario Rietz und Merten Mordhorst kurz vor der Eröffnung. Noch sind nicht alle Wandbilder fertig.
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Was mit Ärger über umstrittene Baumfällungen begann, endet mit einem Gewinn für den Karlshorster Kiez: Am 21. Juni eröffnet nahe dem S-Bahnhof die „Theatergasse für Alle“ - ein neues Schmuckstück, das gleichzeitig Ort der Begegnung sein soll.

Merten Mordhorst hätte sich furchtbar aufregen und vor Gericht ziehen können, wie es wohl mancher Zeitgenosse an seiner Stelle getan hätte. Doch als das Lichtenberger Grünflächenamt auf seinem Grundstück in der Theatergasse gegen seinen Willen Bäume roden ließ, wandelte er seinen Ärger in Tatendrang um, suchte sich einen Mitstreiter und legte los. Knapp sieben Monate später wachsen nicht nur wieder Bäume anstelle der alten, neben den Magnolien ist auch ein neues Kleinod entstanden.

Der Reihe nach: Etliche Jahre war der gut 100 Quadratmeter große Arkadengang in der Theatergasse mehr oder weniger sich selbst überlassen. Auf einer Seite von Säulen flankiert, gehört der Gang zur angrenzenden Autowerkstatt, die Merten Mordhorst seit 2011 sein Eigen nennt. „Ursprünglich war das hier das Kulissengebäude des Theaters Karlshorst“, erzählt er. Das war zu DDR-Zeiten, als die sogenannte Russen-Oper noch Besucherscharen in den Ortsteil lockte. Wegen der besonderen Geschichte sind die Besitzverhältnisse ungewöhnlich. Merten Mordhorst ist zwar Eigentümer der Werkstatt, des Laubengangs und fast des kompletten Bürgersteigs davor. Dessen Fläche ist aber öffentlich gewidmet, weil die gesamte Theatergasse ursprünglich ein Betriebsweg auf dem Theatergrundstück war. Das Lichtenberger Grünflächenamt ist für die Verkehrssicherheit zuständig, es ließ im vergangenen Herbst vier 20 Jahre alte Akazien fällen, die den Arkadengang säumten. Merten Mordhorst hatte gegen diese Pläne vorab Einspruch eingelegt. Gehör fand er nicht. Stattdessen schuf das Amt in einer Hauruck-Aktion Tatsachen. „Wir haben das nicht einfach hingenommen, sondern schnell gehandelt“, erzählt Mario Rietz, Journalist, Nachbar und Freund des Werkstattbesitzers. Diverse Anrufe, Gespräche und ein Vorort-Termin mit dem zuständigen Stadtrat Wilfried Nünthel (CDU) folgten. Am Ende stand die Zusage der Behörde, die gefällten Bäume an Ort und Stelle zu ersetzen.

Damit könnte die Geschichte schon zu Ende sein, hätten sich Merten Mordhorst und Mario Rietz nicht im Gegenzug verpflichtetet, ihren eigenen Beitrag zu einem schöneren Kiez zu leisten – und den vernachlässigten Arkadengang herzurichten. Die Idee der „Theatergasse für Alle“ war geboren. Eine neuer Lieblingsort sollte entstehen – ruhig aber öffentlich, begrünt, barrierefrei, besonders gestaltet.

Für die beiden Initiatoren bedeutete dies zunächst, Partner und Sponsoren für das finanziell aufwendige Vorhaben zu gewinnen. „Eine erste Kostenschätzung ergab circa 30 000 Euro“, berichtet Rietz. Er übernahm die Akquise und war zu seiner eigenen Überraschung recht bald erfolgreich. Große wie kleine Unternehmen aus dem Karlshorster Kiez und ganz Berlin spendeten Geld, andere lieferten kostenlos Material. Als Partner holten die Zwei den Bürgerverein Karlshorst ins Boot, der sein Konto für die Spendeneingänge zur Verfügung stellte. „Die beiden haben uns ihre Idee vorgestellt, und wir waren sofort begeistert“, erinnert sich der Vereinsvorsitzende Andreas Köhler. „Die Theatergasse ist ein tolles Projekt und kann Karlshorst nur zugutekommen.“

Dank der vielen Förderer konnte der Arkadengang in den vergangenen Monaten komplett runderneuert werden. „Der Untergrund wurde ausgekoffert, wir haben Versickerungsschächte für Regenwasser anlegt und neue Bodenplatten verlegt“, erzählt Mordhorst. Risse und Schadstellen in den Säulen galt es zu beseitigen, eine neue Pergola zu installieren. Was die „Theatergasse für Alle“ aber erst zu einem besonderen Hingucker macht, sind großflächige Wandbilder, geschaffen von der Kreativagentur Graco aus Prenzlauer Berg. Sie zieren die vormals eintönige Mauer, erinnern an überdimensionale Postkarten und entführen den Betrachter auf eine Zeitreise in die Ortsgeschichte. Nach dem Motto „Vom Vorwerk zum Wissenschaftsstandort“ zeigt die Fassadenkunst historische Motive: eine Vorkriegsansicht des Karlshorster Zentrums, den Flughafen samt darüber schwebendem Siemens-Schuckert-Luftschiff, den Stern am Zaun der ehemaligen Russenkaserne, die Trabrennbahn, die Hochschule für Technik und Wirtschaft. Passend zum Thema sind die Gemälde nicht knallbunt, sondern in Sepia-Tönen gehalten. In kräftigeren Farben schmücken ein paar Oldtimer die Werkstattfassade hoch über der Pergola.

Darunter wachsen jetzt Weinreben; Bänke, Beete mit Rosenstöcken und Lavendelbüschen komplettieren das neue Kleinod. Die Sitzmöbel standen vormals auf dem inzwischen geschlossenen Regionalbahnhof. Mordhorst und Rietz haben sie kostenlos von der Deutschen Bahn bekommen.

Die „Theatergasse für Alle“ öffnet mit einem kleinen Fest am Donnerstag, 21. Juni, ab 12 Uhr. Als Gäste haben sich angesagt: Bürgermeister und Schirmherr Michael Grunst (Die Linke), Innensenator Andreas Geisel (SPD), die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (Die Linke) und Bürgervereinsvorstand Andreas Köhler. Es gibt Musik, Gelegenheit für Gespräche, Geschäfte aus dem Kiez liefern Kuchen, Kaffee und Wein. Merten Mordhorst und Mario Rietz teilen gegen eine kleine Spende fürs Projektkonto Kostproben aus.

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