Chance auf ein neues Leben: Seit 125 Jahren gibt es die Guttempler in Berlin

Michael Annecke zeigt verschiedene Kragen der Guttempler, die Brüderlichkeit symbolisieren und international verschieden sind. (Foto: Sylvia Baumeister)
Berlin: Guttempler |

Neukölln. Die Guttempler mit Sitz in der Wildenbruchstraße 80 sind die älteste Selbsthilfe-Organisation der Stadt. Seit November 1891 setzen sie sich konsequent und unbeirrt für ein suchtfreies Leben in sozialer Verantwortung ein.

Michael Annecke hat zwei Leben. Das erste begann vor 69 Jahren, das zweite vor 34 Jahren. Da hatte er es endlich geschafft, sich seiner Sucht zu stellen und mit seiner Frau die Guttempler aufzusuchen. Bis dahin hatte der damalige Verlagsbuchhändler täglich getrunken. Nach Jahrzehnten des Alkoholmissbrauchs war sein physischer Zustand lebensbedrohlich geworden. Er bekam immer häufiger epileptische Anfälle. „Ich brauchte anfangs lange, um darüber zu reden, was mit mir passiert ist. Die Guttempler fordern aber, dass man über seine Sucht spricht“, erzählt er.

Über die Ängste seiner Frau sei er bis dahin achtlos hinweggegangen. „Wir Säufer trinken unsere Umgebung auch kaputt. Es dauerte lange, bis ich realisierte, was meine Frau alles aushalten musste“, bekennt Michael Annecke. Inzwischen sind 34 Jahre vergangen, in denen er bewiesen hat, dass er ohne den Alkohol leben kann. „Die Guttempler haben es mir vorgemacht“, sagt er.

So wie ihm erging es vielen Menschen, die einen Weg aus der Suchterkrankung suchten. In Gesprächskreisen reden die Guttempler einmal in der Woche über ihre Sucht und geben sich gegenseitig Motivation. Gleichzeitig verpflichtet sich jeder Guttempler zu einem Leben ohne Drogen und Alkohol. Auch die Familienmitglieder werden in die Arbeit eingebunden.

Erstmalig kam 1891 in Berlin eine kleine Gruppe von Menschen zusammen. Sie hatte sich dem Gedanken zur alkoholfreien Lebensweise angeschlossen. Die Grundsätze und Motive ihrer Arbeit, die bis heute gelten, sind: Enthaltsamkeit, Brüderlichkeit, Frieden. In ihrer Hochzeit, Anfang der 80er-Jahre, hatte die Organisation 1200 Mitglieder. Inzwischen ist ihre Zahl auf 450 geschrumpft. Michael Annecke vermutet: „Wir treten zu selten öffentlich in Erscheinung.“ Dennoch gibt es weiterhin zahlreiche Aktivitäten und Veranstaltungen der Guttempler. Die Organisation hat ein eigenes Bildungswerk, zahlreiche Arbeitsgruppen sowie eine kleine Ausstellung zu ihrer Geschichte.

Einmal im Jahr laden die Guttempler zum Tag der offenen Tür ein. Zudem werden täglich von 11 bis 15 Uhr Suchtberatungen im Haus in der Wildenbruchstraße 80 angeboten. Gut besucht ist die jährlich laufende Präventionskampagne „Fit für die Straße“, in der Schulklassen über die Gefahren von Alkohol und Drogen im Straßenverkehr aufgeklärt werden. „Die Schüler nehmen mit, dass es eine gewisse Vorbildhaltung gibt“, meint Michael Annecke. Er hofft, dass sich das Interesse der jungen Menschen auch wieder in steigenden Mitgliederzahlen niederschlägt und ist überzeugt: „Was mit dem Rauchen passiert ist, wird auch irgendwann beim Alkohol kommen. Junge Leute rauchen heute weniger. Noch gebe es keine Trendwende, aber Alkoholsucht werde nicht mehr so toleriert. SB

Infos unter www.guttempler.de oder unter  68 23 76 20.
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