Hobbybauern fehlt die Lobby
Hunderte Städter wollen gärtnern, es finden sich aber kaum Flächen

Landwirt Max von Grafensstein (vorne) zeigt den Baunergärtnern ein paar Handgriffe. Er hat die Kreisform der Beete eingeführt, damit alle Gärtner leichter einen Bezug zum gesamten Acker bekommen.
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  • Landwirt Max von Grafensstein (vorne) zeigt den Baunergärtnern ein paar Handgriffe. Er hat die Kreisform der Beete eingeführt, damit alle Gärtner leichter einen Bezug zum gesamten Acker bekommen.
  • Foto: bauerngarten
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Vor allem Bauherren haben gute Karten, wenn es um die Verteilung von Freiflächen im Norden Berlins geht. Landwirte mit innovativen Konzepten, wie die Produktion von Lebensmitteln für Städter neu gedacht werden kann, suchen dagegen seit Jahren vergebens.

Man kann sagen, die Kluft zwischen Bedarf und Wirklichkeit wird in Berlin immer größer: Jahr für Jahr wollen mehr Städter selbst gärtnern und die Ideen, wie man dieses Bedürfnis in der Stadt oder am Stadtrand realisieren könnte, sprudeln. Parallel herrscht auf dem Freiflächenmarkt Goldgräberstimmung – und da erscheint ein zehnjähriger Pachtvertrag für einen Bauerngarten dann eher als unattraktiv.

Diese Erfahrung machen derzeit jedenfalls die Landwirte vom „bauerngarten“, die in Pankow seit 2012 im Botanischen Volkspark Blankenfelde rund 200 Parzellen für Berliner zum Mitgärtnern betreiben. „Wir haben seit 2017 viele Gespräche mit Amtsleitern, Politikern und vielen anderen Verantwortlichen im Bezirk Pankow geführt, die Freiflächen besitzen. Aber ich muss es so hart sagen: Alle finden das, was wir machen, gut und vorbildlich, aber niemand setzt sich wirklich für diese Gärtnermöglichkeit ein“, so Landwirt Max von Grafenstein. In München, wo Bauland teils unfassbar teuer ist, sei man da schon weiter: „München gibt im Jahr viel Geld für die stadtweiten sogenannten Krautgärten aus, da wird das Bauerngärtnern auch tatkräftig von Ämtern unterstützt, wovon wir in Berlin weit entfernt sind.“ Das sei schon verwunderlich, so der Landwirt weiter, da man sich das im kreativen Berlin auch oft ganz anders vorstelle. „Hier gibt es sehr viele Leute, die innovative Anbau- und Direktvermarktungskonzepte entwickeln, die sich der Natur und der Idee der ökologischen Produktion verbunden fühlen und dafür auch tatkräftig einsetzen.“

Bei den Verantwortlichen für Flächen hätten diese Ideen aber so gut wie keine Lobby, glaubt von Grafenstein. „Der Flächenmarkt hat sich in Berlin rapide verändert.“ Der Landwirt spricht aus Erfahrung, er hat mit seinem Team vor gut zehn Jahren die „bauerngärten“ im Berliner Umland gegründet. Vier Standorte gibt es: in Havelmathen, Mette, Ahrensfelde – und eben in Pankow. Dort gärtnern jedes Jahr rund 1500 Städter, in Pankow sind es etwa 400. Natürlich gibt es in der Region noch andere Anbieter wie „Ackerhelden“ in Teltow oder „Meine Ernte“ in Rudow.

In Blankenfelde könnten es alleine im Volkspark über 1000 Bauerngärtner sein, wenn es mehr Flächen gäbe. Auf der Warteliste stehen allein für diesen Standort über 650 Interessenten, die aber aktuell so gut wie kaum eine Chance haben, selbst zu gärtnern. Max von Grafenstein weiß, dass sich das bereits rumgesprochen hat, und bittet nun, dass Interessierte sich trotzdem auf die Warteliste schreiben sollen. „Irgendwann ist diese Liste so etwas wie eine Petition, die dann hoffentlich an den richtigen Stellen Entscheider zum Handeln bewegt.“ Er und sein Team suchten jedenfalls intensiv weiter nach Flächen, so der Landwirt. „Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben.“

Wer das Konzept des Bauerngärtnerns noch nicht kennt, in Pankow funktioniert es folgendermaßen: Die Landwirte erledigen die grobe Arbeit, ackern, säen und bewässern. Die Bauerngärtner aus der Stadt kaufen im Prinzip im Vorfeld die Ernte einer Parzelle und kümmern sich ab Mai dann selbst um die Pflege der frischen Saat: entfernen Wildwuchs, mulchen den Boden, binden Tomatenpflanzen an, picken überzählige Blüten aus den Gurkenpflanzen, sammeln Kartoffelkäfer ab. Vieles läuft in der Biolandwirtschaft per Hand, weshalb dieses Konzept auch für die Landwirte sinnvoll ist. „Wir loten hier immer wieder aus, welche Aufgaben der Landwirt übernehmen sollte und welche die Bauerngärtner besser erledigen können, damit wir im Herbst sozusagen alle dicke Kartoffeln ernten“, so von Grafenstein.

Und es habe sich längst gezeigt, dass dieses Konzept sehr gut funktioniere. „Die Gärtner aus der Stadt tragen das Ernterisiko solidarisch mit.“ Und gesellschaftlich gebe es wirklich diesen großen Wunsch, wieder mehr zum Souverän über die Lebensmittel im eigenen Kühlschrank zu werden. Abgesehen davon wünschten sich immer mehr Städter, sich wieder mehr mit der Lebendigkeit der Natur zu verbinden, Pflanzen aufzuziehen, an der frischen Luft aktiv zu sein und dann mit den Möhren und Lauchstangen in der Fahrradtasche gestärkt wieder zurück in die Stadt zu radeln.

Wer sich über den Weg der Warteliste für die Idee von Bauerngärten in Pankow starkmachen möchte, erfährt alles Weitere auf www.bauerngarten.net.

Autor:

Corina Niebuhr aus Kreuzberg

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