Der Corona-Geschichten-Sammler
Jörg Püschmann will das Vivantes-Personal, Kinder, Eltern und Lehrer zu Wort kommen lassen

Jörg Püschmann kehrte direkt nach der Wende seiner erzgebirgischen Heimat den Rücken und zog nach Berlin. Urspünglich Informationstechniker, arbeitet er seit dreißig Jahren in der Pflege
  • Jörg Püschmann kehrte direkt nach der Wende seiner erzgebirgischen Heimat den Rücken und zog nach Berlin. Urspünglich Informationstechniker, arbeitet er seit dreißig Jahren in der Pflege
  • Foto: Schilp
  • hochgeladen von Susanne Schilp

Jörg Püschmann ist jemand, der die Corona-Krise hautnah erlebt. Er arbeitet im Vivantes-Klinikum Neukölln. Und er ist der Meinung, dass seinen Kolleginnen und Kollegen in diesen harten Zeiten eine Stimme gegeben werden sollte. Deshalb hat er sie aufgerufen, Texte zu schreiben, die er veröffentlichen will.

Eigentlich ist Püschmann stellvertretender Leiter der neurologischen Frührehabilitation. Dort werden Menschen betreut, die sich von einem Schlaganfall erholen. Doch im vergangenen Winter musste seine Station schließen, weil die Mitarbeiter auf der Covid-Intensivstation gebraucht wurden. Rund drei Monate halfen sie dort aus.

Püschmann ist hart im Nehmen, aber einiges ging auch ihm an die Nieren. „Meinen ersten Corona-Toten, ein 1,90-Meter-Mann, musste ich wegen der Infektionsgefahr in einen Sack schieben und drücken, Reißverschluss zu, Decke drüber. Das ist kein würdevoller Tod“, sagt er. Oder die Geschichte mit der infizierten jungen Frau, im achten Monat mit dem vierten Kind schwanger, Notkaiserschnitt. „Wir haben alle um sie und das Baby gekämpft“, so Püschmann. Es ging knapp, aber gut aus.

Es habe keinen Tag gegeben, an dem auf der Intensivstation mit rund 25 Betten niemand gestorben sei. Ob Vorerkrankungen oder nicht, sie alle hätten ohne Covid noch ein paar Jahre zu leben gehabt, sagt Püschman. Impfverweigerung unter dem medizinischen Personal sei kein Thema: „Alle, die einmal hier gearbeitet haben, sagen: Her mit der Spritze!“

Aber nicht nur Ärzte und Pfleger erleben die Auswirkungen von Corona. „Es gibt keine Stelle, die nicht betroffen wäre: die Putzkräfte, die Spezialkleidung und FFP3-Masken tragen müssen, Techniker, der Patientenbegleitservice, einfach alle.“ Deshalb möchte Jörg Püschmann, dass jeder von ihnen die Gelegenheit bekommt, sich seine Erlebnisse und Gefühle von der Seele zu schreiben. Die Pflegedirektorin des Vivantes-Klinikums ist mit im Boot und von dem Vorhaben angetan, die Abteilung Konzernkommunikation hatte den Plan, es gleich auf das gesamte Unternehmen auszudehnen. Aber das will Püschmann nicht. „Wir sind ein Neuköllner Projekt“, sagt er.

Und dieses Projekt hat noch einen zweiten Teil. Denn Jörg Püschmann ist auch Elternvertreter. Sein Sohn geht in die vierte Klasse der Oskar-Heinroth-Grundschule. Auch dort hat er nun die Kinder, Lehrer und Eltern aufgefordert, persönliche Geschichten über die Corona-Zeit zu schreiben. Bis März will er die Texte sammeln, und am Ende sollen zwei Bücher stehen.

Das Ganze ist alles andere als ein Hirngespinst. Denn Püschmann hat in den vergangenen Jahren acht eigene Horror-Fantasy-Mystery-Kurzgeschichten im kleinen Sarturia-Verlag veröffentlicht, der von einem Verein getragen wird und in dem er mitarbeitet. Demnächst soll sein Roman „From the very depth“ (auf Deutsch in etwa: „Aus der tiefsten Tiefe“) erscheinen. Er sitzt also an der Quelle und weiß, wie es geht. Und er verspricht: Jede einzelne Geschichte wird vom Verlagsteam sorgfältig gelesen und auf Fehler durchforstet. Auch Hilfestellungen und Verbesserungsvorschläge seien garantiert, sodass sich jeder auf das Abenteuer Schreiben einlassen könne. Er ist gespannt auf das, was kommt.

Weitere Informationen über den E-Mail-Kontakt joerg.pueschmann@gmx.net.

Autor:

Susanne Schilp aus Neukölln

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

16 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Beitragsempfehlungen

WirtschaftAnzeige

DieMaklerin.berlin
2022: Das ändert sich im neuen Jahr

Am Anfang und im Laufe des neuen Jahres müssen sich Mieter und Immobilieneigentümer auf viele Neuerungen einstellen. Ein Überblick: • Die CO2-Abgabe zur Eindämmung des Verbrauchs von fossilen Kraft- und Brennstoffen in Deutschland steigt von 25 Euro auf 30 Euro pro Tonne. • Öfen, Herde und Kamine: Festbrennstoff-Einzelraumheizgeräte dürfen laut EU-Verordnung 2015/1186 (Anhang 2) ab ersten Januar 2022 bestimmte Emissionswerte nicht mehr überschreiten. • Solarpflicht: Wer in Baden-Württemberg neu...

  • Bezirk Reinickendorf
  • 13.01.22
  • 225× gelesen
WirtschaftAnzeige
Farbenfroh strahlt die Fassade am Tierpark Center.
3 Bilder

Temporäre Open-Air-Gallery als echter Hingucker
Tierpark Center Berlin präsentiert während des Umbaus urbane Kunst

Während des momentan laufenden Umbaus wird das Tierpark Center in Friedrichsfelde zur temporären Open-Air-Gallery. Sieben Berliner Künstler*innen für Urban Art gestalten einen Teilbereich der Fassade mit speziell für den Standort entwickelten Motiven. Der Eigentümer hat das Projekt gemeinsam mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Andrea Stöckmann sowie Ulrike Gohla von den Stadtpiraten initiiert. Anwohner neugierig machen Das Motto lautet „Farewell“. Es steht für die Restrukturierung...

  • Bezirk Lichtenberg
  • 20.12.21
  • 586× gelesen
WirtschaftAnzeige
Lassen Sie sich bei Poeschke Bestattungen beraten.
2 Bilder

Poeschke Bestattungen
Einmal vorgesorgt – für immer alles geregelt: Mit einer Bestattungsvorsorge in das neue Jahr starten

Zum Jahresende zieht man Bilanz und schaut neugierig ins neue Jahr: Welche Überraschungen, Begegnungen und Zufälle – leider auch Schicksalsschläge – hält es für mich bereit? Es ist wohl gut, dass keiner in die Zukunft schauen kann. Allerdings sollte man seine Zukunft planen, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens geht. Und dazu gehört – wie jedes Jahr einmal zu Ende geht – auch das eigene Lebensende. Zugegeben, kein leichter Gedanke für die meisten. Aber bei weitem nicht so...

  • Bezirk Spandau
  • 21.12.21
  • 398× gelesen

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen