Aus Stein wächst neues Leben!
„Unter jedem Grabstein eine Weltgeschichte“*

Auf dem Allequartierfriedhof Französisch Buchholz: die von Müll, Schutt und Wildwuchs befreiten ersten Erbbegräbnisse an der ehemaligen Begräbnis-Allee von Friedhof IX
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  • Auf dem Allequartierfriedhof Französisch Buchholz: die von Müll, Schutt und Wildwuchs befreiten ersten Erbbegräbnisse an der ehemaligen Begräbnis-Allee von Friedhof IX
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Berlin und damit auch Französisch Buchholz, besitzt einen Schatz, der in Europa seinesgleichen sucht: Unsere Friedhöfe und ihre Grabmale, die wie ein Bilderbuch die eindrucksvolle Vergangenheit einer europäischen Metropole erlebbar machen. Mit einer Fläche von über 1.000 Hektar sind sie das wohl größte Museum Berlins. Unter jedem Grabstein eine Weltgeschichte – das gilt auch für den Friedhof IX Französisch Buchholz, oder besser, hätte auch im November 2020, kurz vor Totensonntag, gelten sollen, als der vom Bezirksamt beauftragte Abriß der Erbbegräbnisse begann.

Am 9. Dezember 2020 fasst die Pankower Bezirksverordneten-Versammlung einstimmig einen bedeutenden Beschluss: die, nach dem von Buchholzer Einwohnern mit der CDU und SPD geforderte Baustopp vom 24. November 2020 erhalten gebliebenen, Reste der Familiengräber und die abgebrochenen schönen großen Erbbegräbnisse müssen vom Bezirksamt Pankow wiedererrichtet werden. An Ort und Stelle – in der Archäologie heißt das „in situ“!

Seitdem ticken in Buchholz die Uhren etwas anders. Es gründet sich in Französisch Buchholz eine Arbeitsgruppe Friedhof IX – mit Mitgliedern aus der IG KULTURGUT-FranzösischBuchholz-BIENCULTUREL, dem Bürgerverein Französisch Buchholz e. V., einem engagierten Genealogen aus der Genealogie-Gesellschaft und dem Freundeskreis der Chronik Pankow. Es gibt Termine mit dem Bauamt und der Friedhofsverwaltung vor Ort und teils heftige Diskussionen darüber, was immaterielles Kulturerbe bedeutet und wie eine Verwaltung mit den bedeutenden historischen Gräbern und der Ortsgeschichte umzugehen hat.

Das gewaltige Argument, der Friedhof sei kein Denkmal und die Liegezeiten seien abgelaufen, erschüttert uns angesichts der kunst- und kulturhistorischen Werte der Erbbegräbnisse von Verstorbenen aus dem 18. und 19. Jahrhundert – wie beispielsweise das schöne Ädikula-Grabmal der Weinhändler-Familie Conrad, das dem Abriß zum Opfer fiel!

Friedhof IX wurde in den 1990er Jahren genauer erforscht und hat bis vor kurzem dem Namen eines Alleequartierfriedhofes alle Ehre machte. Seine Friedhofskapelle, 1909 errichtet, steht unter Baudenkmalschutz. Das Denkmalschutzgesetz Berlin besagt, dass das Umfeld eines Baudenkmales denkmalwürdig ist. Der Friedhof IST DAS UMFELD der Friedhofskappelle!

*Noch 2012 war das Motto des Landesdenkmalamtes, damals unter Landeskonservator Haspel und Gartendenkmalpfleger v. Krosigk „Unter jedem Grabstein eine Weltgeschichte. Berliner Grabmale retten“ (Buchtitel): die Orte der Trauer und der Erinnerungskultur wurden vorgestellt.

Buchholz war seit dem 17. Jahrhundert bis in das 20 Jahrhundert hinein, ein von märkischen Kossäten und Bauern und französischen Réfugies - Gärtnern, Bauern, Gemüsebauern und Blumengärtnern protestantischen Glaubens (Hugenotten), die im Zuge des Potsdamer Edikts 1685 nach Preußen kamen - besiedeltes Angerdorf. Der eingezäunte Kirchhof um die Buchholzer Kirche (14. Jahrhundert) war im 19. Jahrhundert zu klein geworden und zudem durch Schichtenwasser für Beerdigungen nicht mehr geeignet. Es brauchte einen neuen Friedhof. Das Land für den heutigen Friedhof IX am Mühlenberg wurde durch die Gemeinde Buchholz 1871 vom hugenottischen Bauern Guyout und 1899 vom Kossäten Rathenow gekauft. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich hier – erst 1920 wurde Buchholz zu Berlin eingemeindet – eine reiche Friedhofskultur, mit Bestattungen und Trauernden verschiedener Religionen und Weltanschauungen, wovon besonders die Familiengräber und Erbbegräbnisse entlang der Mühlenstraße zeugten. Die mit Bäumen geschmückte Allee hatte sogar ihren eigenen Eingang Mühlenstraße/Ecke Rosenthaler Weg.

Kriegsopfer wurden auf Friedhof IX anonym zur letzten Ruhe gebettet. Die Republik Italien erinnert mit einem Gedenkstein auf Friedhof IX an die Militärinternierten:
REPUBBLICA ITALIANA. A PERENNE MEMORIA DEI CADUTI ITALIANI CHE QUI RIPOSANO | Zum steten Gedenken an ihre hier ruhenden Gefallenen. Erst 2018 veranstaltete das italienische Kulturinstitut Berlin die Ausstellung ITALIEN-DEUTSCHLAND: FÜR EINE GEMEINSAME ERINNERUNGSPOLITIK

Seit März 2020 ist die Friedhofskultur von der Deutschen UNESCO-Kommission als IMMATERIELLES KULTURERBE anerkannt. Deutschlandweit erfährt das Thema außerordentliche Beachtung, nur nicht in Berlin! Die Literatur hat der Friedhofskultur seit vielen Jahrzehnten umfassende Aufmerksamkeit gewidmet – im Stillen oder im Hintergrund, jedenfalls finden wir sie auf keiner Bestsellerliste. Mein Freund Dieter Geisthardt, heute 84jährig und Ortschronist bis 2013, schrieb bereits 2000 eine anrührende Broschüre zu „Französisch Buchholz und Friedhöfe mit Geschichte“, wo er bereits die Friedhofskultur mit Namen und Gräbern beschreibt. Gewichtige Bücher wie das von Hans-Jürgen MENDE „Lexikon Berliner Begräbnisstätten“, in neuer Ergänzung um Friedhof IX, steht inzwischen auf meinem Schreibtisch.

Genealogy Net hat seit geraumer Zeit für die EhrenamtlerInnen in Deutschland eine digitale Plattformen für den Umgang mit Grabsteinen eingerichtet, die jedem und jeder Interessierten offen stehen: http://grabsteine.genealogy.net/
Erklärvideo und Mitarbeit:
http://wiki-de.genealogy.net/Vorlage:Grabstein-Projekt_Infobox
Informationen zum Grabstein-Projekt:
http://wiki-de.genealogy.net/Grabstein-Projekt/Interessante_Infos

Der Pankower Schriftsteller und Feuilletonist Heinz Knobloch (3. März 1926 in Dresden; † 24. Juli 2003 in Berlin-Pankow) schreibt in seinem Buch „Alte und neue Berliner Grabsteine“, erschienen 1987 und 2000: >In Berlin, …, gibt es keinen „Friedhof der Berühmten“ wie in London oder Paris, Wien oder St. Petersburg. … Wer in Berlin Grabsteine sucht und sehen will, wird sich wundern und braucht Zeit. Außer einer Blume, einer Kerze, einem Steinchen, je nachdem, muss man Kenntnis mitbringen. … Der Friedhof als Geschichtsbuch: aufgeschlagen, stumm, vielsagend. Der Friedhof als Museum. Er hat sogar günstige Öffnungszeiten. Und: Eintritt frei!<

An den abgebrochenen Familienbegräbnissen der ehemals schönen Erbbegräbnisallee auf dem Buchholzer Friedhof entsteht vielleicht neues Leben. Durch die bereits durchgeführten maschinellen Ausbrucharbeiten auf den Gräbern wurden auch die vielen Wildwuchse entfernt, jahrzehntelang nicht Gepflegtes kam ans Tageslicht. Im Austausch mit der Verwaltung des Bezirksamtes Pankow versuchen wir in der „AG FRIEDHOF IX“ Erinnerungskultur und Erinnerungsstätten zu fordern. Der Abriß der Familiengräber erregte deutschlandweit große Empörung. Die durch den Baustopp erhaltenen 10 großen und schönen Familiengräber haben wir in der „Arbeitsgruppe Friedhof IX“, gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Bunten Garten Buchholz e. V., Karl-Ludwig Hoffmann, unter unsere „Fittiche“ genommen und mit ersten Aufräumarbeiten begonnen. Kräftig packen auch die jungen und älteren Nachfahren der Buchholzer Familien an, darunter vier Familienangehörige mit hugenottischen Wurzeln.

Am Samstag 6. März 2021 haben wir in Französisch Buchholz unseren altvorderen Frauen und Männern einen Namen verschafft, indem wir vier ihrer Familiengräber befreit haben von Glas, Schutt und Müll. Frühlingsblumen aus der Gärtnerei BRENKE schmücken jetzt die vorderen Familiengräber an der Ecke Mühlenstraße / Rosenthaler Weg.

Zum weltweiten Frauentag geben wir besonders den Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten auf dem Friedhof IX in Französisch Buchholz ihre Geschichte zurück. Zunächst:
Hedwig Pape, geb. Simon;
Anna Teutsch, geb. Kayser;
Elsbeth Teutsch;
Ida Chartron, geb. Guyot;
Bertha Chartron, geb. Reinhard.

Welche erhabene Gestalt haben plötzlich diese immer noch lotrecht stehenden, stabilen und gut erhaltenen, stilvollen und hohen Grabwände! Ortsgeschichte im größten Museum Europas, den Friedhöfen. Auch auf Friedhof IX in Französisch Buchholz!

Anne Schäfer-Junker (anne.junker@gmx.de )
www.hugenottenplatz-berlin.de

Autor:

Anne Schäfer-Junker aus Französisch Buchholz

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